Jugendamt
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Familie Wolff nahm Kinder aus Krisenfamilien auf

"Dann will man einfach helfen"

"Wenn man die hilflosen und zum Teil sehr verwahrlosten Kinder sieht, dann kann man gar nicht anders, dann will man einfach helfen" sagt Reiner Wolff, der zusammen mit seiner Frau Claudia fünfeinhalb Jahre lang und als erste Familie in der Bereitschaftspflege in Paderborn kleine Kinder aus Krisenfamilien bei sich aufgenommen hat. Und das, obwohl Familie Wolff schon zwei eigene Kinder hat.
Claudia u. Reiner Wolff, Ruth Rustemeyer
Claudia u. Reiner Wolff, Ruth Rustemeyer
Insgesamt konnten 16 Kinder in all den Jahren bei den Wolffs wieder zur Ruhe kommen, mal wieder Sorge und Pflege erfahren oder einfach mal wieder vernünftig essen: eben ein normales Familienleben erleben dürfen. Die Kinder kamen aus akuten, familiären Krisensituationen, wo Misshandlungen, Vernachlässigungen, Alkoholismus, Drogensucht oder auch Obdachlosigkeit das Familienbild bestimmten. "Wir mussten die Kinder, wenn sie zu uns kamen erst einmal waschen und neu einkleiden. Die Kleidung die sie getragen haben, war meistens nicht mehr zu gebrauchen", erinnert sich Claudia Wolff. Einige Jahre und viele Kinder, aber keines ist mit seinen Eigenheiten bei den beiden in Vergessenheit geraten. Genau wie das erste Kind, die acht Monate alte Bettina, die nach schweren Misshandlungen aus ihrer Familie herausgeholt werden musste. Claudia Wolff, die auch Sozialarbeiterin beim Jugendamt Paderborn ist, hat kurzerhand das kleine Baby samt Atemgerät aus der Kinderklinik mit nach Hause genommen bis eine geeignete Pflegefamilie gefunden wurde. Ihr Mann Reiner Wolff, der mit den eigenen Kindern gerade im Erziehungsurlaub war, nahm die kleine Bettina gern mit auf und wurde dann auch für alle weiteren Kinder die Hauptbezugsperson. Diese familiäre Betreuungsform regelte die Familie mit dem Jugendamt schließlich auch vertraglich, womit die Bereitschaftspflege auch in Paderborn Fuß fassen konnte.

Die Bereitschaftspflege ist eine familiäre Betreuungsform in Fällen einer erforderlichen Krisenintervention oder Inobhutnahme, wobei zum Zeitpunkt der Unterbringung die Dauer nicht feststeht, aber nicht länger als drei Monate betragen sollte. Bei der Unterbringung im Rahmen von "Hilfe zur Erziehung" ist bei jüngeren Kindern, meistens bis zu sechs Jahren, vom Jugendamt zu prüfen, ob eine familiäre Betreuung in einer Bereitschaftspflegefamilie ermöglicht werden kann. Besonders kleine Kinder benötigen in Krisenzeiten feste Bezugspersonen und überschaubare Systeme, um wieder zur Ruhe zu kommen. Sie brauchen dafür ein hohes Maß an Vertrauen, Liebe, Zuwendung und Verlässlichkeit. "Man muss den Kindern alles geben, Liebe und Zuwendung, sollte aber eine enge Bindung nicht forcieren und immer wissen wohin es geht", rät Reiner Wolff. "Viele Kinder waren auch nicht unbedingt bindungsfähig, wenn sie zu uns kamen", ergänzt er.
Die Bereitschaftsfamilie ist kein "normales" Pflegeverhältnis, sondern eine Übergangssituation. Der Aufenthalt der Kinder in der Familie ist von vornherein begrenzt. Es ist eine erste Maßnahme den Kindern zu helfen und ihnen einen Schutzraum zu geben, während man für ihre weitere Situation nach Lösungen sucht. Sobald sich die Herkunftsfamilie wieder stabilisiert hat, kann das Kind zu seinen Eltern zurückkehren. Eine Unterbringung zu Verwandten, in eine Pflegefamilie oder eine Adoption ist oftmals unumgänglich. Von der Bereitschaftspflegepersonn wird daher eine gewisse Professionalität erwartet. Man setzt auf Praktiker/innen, die gemeinsam mit dem Jugendamt eine neue Perspektive für das Kind entwickeln. Eine entsprechende Vorbildung in einem sozialpädagogischen Beruf ist daher notwendig. Zudem muss in jeder Familie zumindest eine Person ganztägig für die Bereitschaftspflege zur Verfügung stehen. Obwohl eigene Kinder in der Familie von Vorteil sind, wie Familie Wolff zu berichten weiß, sind sie keine Voraussetzung. Ebenso können Alleinstehende in der Bereitschaftspflege tätig sein, wenn sie ganztägig für das Kind dasein können. "Man muss sich bewusst sein, dass die Aufnahme eines Kindes in Bereitschaftspflege ein Ausnahmezustand ist und man in dieser Zeit rund um die Uhr seine Bedürfnisse zurückstellen muss", betont Reiner Wolff. Außerdem müsse man sehr flexibel sein, denn oft kommen die Kinder sehr spontan in die Bereitschaftspflestelle. Es stehen dann oftmals auch Arztbesuche, Therapiemaßnahmen, spezielle Besorgungen für die Kinder, oder Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern an. Bei der Vermittlung eines Kindes in eine Pflegefamilie, gehört die Begleitung des Kindes während der Anbahnungsphase mit zu den Aufgaben die übernommen werden müssen.

Insgesamt muss die Bereitschaftspflegeperson 200 Tage im Jahr für die Aufnahme und Betreuung der Pflegekinder zur Verfügung stehen. Um den Sozialarbeitern des Jugendamtes die Planung und Organisation der zukünftigen erzieherischen Hilfe zu erleichtern, ist es norwendig das Kind auf eventuelle Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsstörungen hin zu beobachten. Durch den "Puffer" Bereitschaftspflege gewinnt das Jugendamt Zeit, um die sozialen Verhältnisse und Bedürfnisse des Kindes besser beurteilen zu können. So fällt es leichter, die richtige Entscheidung für das Kind zu treffen. Das Jugendamt steht den Bereitschaftspflegeeltern jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung. Mit dem abgeschlossenem Vertrag werden die Bereitschaftspflegeeltern auch finanziell Unterstützt. Ab Vereinbarungsbeginn zwischen der Stadt Paderborn und der Bereitschaftspflegestelle wird eine monatliche Pauschale von 130 Euro sowie Kosten für eine Alterssicherung von monatlich 75 Euro gezahlt. Für jeden begonnenn Betreuungstag bekommt die Familie einen Tagessatz von 40 Euro, der die Kosten für den Lebensunterhalt sowie die Betreuungsleistung beinhaltet. Zusätzlich steht den Eltern für die räumliche Ausstattung eine Einrichtungsbeihilfe und eine Bekleidungs-/Ausstattungsbeihilfe bei Vertragsbeginn zur Verfügung.

Für Claudia und Reiner Wolff stehen zukünftige familiäre Veränderungen an. Die eigenen Kinder sind aus dem Grundschulalter raus und Reiner Wolff möchte sich mit einem Fitnessstudio selbstständig machen. Deshalb müssen wir die Bereitschaftspflege aufgeben: "Die Phase in unserer Familie, in der Bereitschaftspflege zu uns gepasst hat, ist nun vorbei. Wir verlieren "unsere" Kinder mit ihren neuen Familien nicht aus den Augen, denn es ist schön zu sehen, dass es ihnen gut geht," zieht Claudia Wolff Resümee.
Da es bisher zusammen mit Familie Wolff nur zwei Bereitschaftspflegefamilien gab, werden ganz dringend neue Bereitschaftspflegestellen gebraucht, die bereit sind den kleinen Kindern den nötigen Schutzraum für ihr Leben, zumindest für kurze Zeit zu geben.

Presseartikel November 2010

Für die Bereitschaftspflege
Familien gesucht

Sie haben eine große Verantwortung und müssen sich rasch auf Kinder einstellen können. Deshalb ist es wichtig, Familien zu schulen, die im Auftrag des Jugendamtes der Stadt Kinder vorübergehend in Pflege nehmen.
Für die sogenannten Bereitschaftspflegefamilien führte das Stadtjugendamt Paderborn jetzt eine Fortbildungsveranstaltung im Hotel Aspethera durch. Als kompetente Referentin war dazu Dr. Martina Cappenberg aus Münster eingeladen, die über das Thema "Bindungsverhalten von Kindern in Bereitschaftspflegefamilien" sprach. Die Psychologin berät Bereitschaftspflegefamilien und erstellt Gutachten für Gerichte. Sie vermittelte den Teilnehmern, wie auffälliges Verhalten bei Kindern verstanden werden kann und welche Hilfen die Pflegepersonen den Kindern geben können.
Die Bereitschaftspflegefamilien nahmen die Ausführungen sehr interessiert zur Kenntnis und verdeutlichten mit einer Reihe von Fragen, dass das Thema ein ganz wichtiges ist.
Veronika Trautmann vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes:"Die Fortbildung war ein voller Erfolg, konnten wir nicht nur viele Anregungen geben, sondern auch auf eine ganze Reihe von Fragen antworten."

Bereitschaftspflegepersonen stellen sich dem Jugendamt auf Abruf für eine befristete Betreuung von meist kleinen Kindern und Säuglingen zur Verfügung. Die Kinder kommen aus sehr belasteten Situationen und bleiben bei der Pflegeperson bis die Perspektive geklärt ist.
Der Pflegekinderdienst des Jugendamtes der Stadt Paderborn sucht weitere Personen, die diese Aufgabe übernehmen können. Wer Einzelheiten dazu wissen möchte, kann sich mit Veronika Trautmann unter der Rufnummer 05251/88-1855 in Verbindung setzen.