Eine Libori-Anekdote
Der rote Engel im Dom
Wenn man bei einem Rundgang durch den Hohen Dom die Sehenswürdigkeiten betrachtet, dann staunt man nicht nur über die Schönheit und Pracht, man wünscht auch zu erfahren, was jeder Stein, jedes Bildwerk zu erzählen weiß. Aber die Steine bleiben stumm und die Bilder erzählen nichts.
Fragend bleiben wir vor jenem merkwürdigen Strebepfeiler stehen, an dem wir einige Stufen und eine Tür bemerken, die in den Pfeiler zu führen scheinen. An der Wand rechts neben dem Pfeiler bemerken wir ein kleines Fenster und hoch darüber sehen wir am Domgewölbe ein rotes Engelsbild. Früher war das Bild nur in roter Farbe dargestellt. In neuerer Zeit, als man die Bedeutung des Bildes nicht mehr kannte, hat man die Einzelheiten der Schwingen in blauer Tönung deutlicher hervorgehoben. Der Pfeiler enthält eine Kammer, die den Domwächtern in alten Zeiten als Aufenthalt gedient haben soll. Das ist alles, was man bisher über den Pfeiler und das einzige Bild des Domgewölbes erfahren konnte. Die Sage aber weiß gar feine Fäden um den Pfeiler und das Bild zu weben. Sie lädt den Dombesucher ein, den Wächterpfeiler zu besteigen und in der Kammer ruhend zu lauschen auf das, was sie erzählt:
Es war an einem schönen Maientage des Jahres 836, als die Reliquien des hl. LIBORIUS in Paderborn ankamen. Kunde von den vielen Wundern war den Gebeinen voraus geeilt. Dann kam der Pfau geflogen, der dem frommen Zuge den richtigen Weg gezeigt hatte. Er setzte sich auf das Dach der Salvatorkirche; doch als sich die feierliche Prozession näherte, war er verschwunden. Auf dem freien Platze vor dem Westeingang der Kirche wurden die Reliquien (unweit der heutigen Roten Pforte) niedergelassen. Hier sollten sie zum ersten Male den Paderbornern gezeigt und dann in die Salvatorkirche überführt werden.
Trotz der vielen Wunder, die geschehen waren, forderten einige Zweifler ein besonderes Himmelszeichen, durch welches die Echtheit der Gebeine des hl. Liborius bewiesen werden sollte. Man verlangte, dass die Reliquien der damals üblichen Feuerprobe (einer Art der Gottesurteile) unterzogen werden sollten. Der hl. MEINOLFUS (dem die an gleicher Stelle befindliche Schützenkapelle geweiht ist), der Priester IDO und die vornehmen Bürger der Stadt, die die Gebeine aus Frankreich geholt und die Wunder gesehen hatten, zweifelten nicht daran, dass der Herrgott noch ein weiteres Wunder geschehen lasse und die Gebeine vor den Flammen behüte. Um die Zweifler zu beschämen, ließ auch der fromme Bischof BADURAD die Feuerprobe zu.
Zweimal hatte man die Gebeine schon auf einen brennenden Holzstoß gelegt und jedes Mal waren die Flammen erloschen. Da holte man wieder trockenes Holz herbei sowie Stroh und Harz und machte ein neues Feuer, dass die Flammen gen Himmel schlugen. Und zum dritten Male legte man die Gebeine des Heiligen in die Gluten des Feuers. Dieses Mal gingen die Flammen nicht zurück, sondern prasselten ärger als zuvor. Die Zweifler frohlockten, die Frommen beteten.
Da, als man die Gebeine schon verkohlt glaubte, formte sich aus den lodernden Flammen die Gestalt eines Jünglings. Seine Lockenhaare flatterten wie die Flammen im Winde. Auf dem Rücken formten sich die Flammen zu feurigen Schwingen, die wie zum Fluge ausgebreitet waren. Auf seinen Händen aber hielt der Jüngling die Gebeine des hl. Liborius: Sie waren unversehrt. Die Zweifler hatten sich noch nicht von ihrem Schreck erholt, da sprang das Tor der Salvatorkirche auf und hinein ging der Engel - nur ein solcher kann es gewesen sein - mit seiner wertvollen Last. Auf dem Altare legte er die Gebeine in einen kostbaren Schrein, der unter der Lichtfülle ungezählter Kerzenflämmchen spiegelte und glitzerte. Der Engel aber war nicht mehr zu sehen.
Aus der Kirchentür drang lieblicher Duft. Man hörte himmlische Chöre musizieren und jubilieren. Posaunen schmetterten zum ersten Male den Liborigruß. Es waren unbeschreiblich herrliche Augenblicke, als der Bischof und die Priester in die Kirche einzogen. Glocken erklangen, Posaunen ertönten, und das ganze Volk stimmte in den Jubel ein:
Sei gegrüßet, oLibori,
dessen Name, Ehr und Glorie
Gott auf Erden groß gemacht;
sei gegrüßt im Himmel droben,
wo dich Christus hoch erhoben
und die Krone dir gebracht.
Zur Erinnerung an diese Begebenheit ertönen noch heute an jedem Liborifeste die Posaunen. Ein Pfauenwedel, der dem Liborischrein vorangetragen wird, hält die Erinnerung wach an jenen Vogel, der dem frommen Zuge einst voraus flog. Nur den Engel, der aus dem Feuer stieg und die Reliquien des hl. Liborius rettete, den hat man vergessen.
Es waren kaum 150 Jahre nach jener denkwürdigen Begebenheit vergangen, da dachte fast keiner mehr an den Feuerengel. Es konnte auch kein Mensch wissen, dass den Gebeinen des hl. Liborius ein besonderer Wächter des Himmels zugeteilt war, der die Reliquien gegen alle Angriffe zu schützen hatte.
Die erste Jahrtausendwende rückte näher, da wollten einige Bewohner der Paderstadt den Feuerengel gesehen haben. Die einen sahen ihn, den Liboriusschrein tragend, aus der Salvatorkirche schreiten, andere wieder in den Lüften schweben: Seine feurigen Schwingen hätten die ganze Stadt erfüllt, als seien alle Gebäude in ein riesiges Feuermeer getaucht. Man glaubte, der Engel wollte die Gebeine des Heiligen zurückholen, denn das Ende der Welt sei nahe. Die Welt ging zwar nicht unter, aber die Stadt Paderborn sank im Jahre 1000 in Schutt und Asche.
Einige Tage nach dem Brande wagten sich einige beherzte Menschen in das rauchende Trümmerfeld. Da sahen sie unter dem wenigen, das die Flammen übrig gelassen hatten, den unversehrten Chorraum der Salvatorkirche, umringt von brennenden Trümmern. Auf dem Altare stand der herrliche Liboriusschrein und davor der Feuerengel, der die gierig leckenden Flammen zurückwies. Da erkannten die Menschen das Walten finsterer Mächte, die schon zweimal versucht hatten, die Gebeine des hl. Liborius durch Feuer zu vernichten. Sie erkannten aber auch die Kräfte des Himmels.
Eine ganze Stadt sank in Schutt und Asche, nur ein kleiner Schrein blieb wunderbar erhalten, weil er die Gebeine eines Menschen barg, den Gott geehrt.
Der Nachfolger auf dem Bischofsstuhle, der reiche und baulustige MEINWERK, erbaute aus den Brandruinen eine herrliche Stadt und eine wunderbare Basilika. Für den Bau der neuen Kirche benötigte er aber auch den Platz der nun wieder halb errichteten Salvatorkirche. Auf diese einzige Kirche konnte er aber bis zur Vollendung der Basilika nicht verzichten. Darum ließ er die alte Kirche überbauen, benutzte sie vorerst weiter, riss dann das Nordschiff der alten Kirche ab und fügte den verbliebenen Rest seiner neuen Kirche als Südschiff ein.
Im Westen waren die beiden Türme der Basilika gerade auf der Stelle errichtet, an der einst die Feuerprobe des hl. Liborius gewesen war. Den Feuerengel aber vergaß man nicht mehr. Er wohnte von nun an in den Türmen über der Stelle, wo er einst aus den Flammen gestiegen war. Das Volk verehrte ihn als unsichtbaren Wächter des Liboriusschreins, als Wächter der unvergleichlich herrlichen Basilika und als Hüter der neu entstandenen Paderstadt, deren Schönheit nicht übertroffen wurde.
Am 15. April des Jahres 1058 sank die unvergleichlich schöne Stadt erneut in Schutt und Asche. Nur die Krypta mit dem Schrein des hl. Liborius und die Türme der Basilika, in denen der Feuerengel seinen Sitz hatte, blieben von den Flammen unberührt. Der Mönch PATERNUS, mehrere Stadtbewohner und sehr viel Vieh waren in den Flammen umgekommen. Dem Stadtbrande folgten die Not und gierige Seuchen. Grinsend zog die Pest durch die Ruinen und ihr giftiger Atem blies Menschen um und Vieh. Die Stadt blieb arm, sehr arm, für lange, lange Zeit.
Aufgezeichnet von Heinrich Schikowski
