Papst Franziskus lehnt Amtsverzicht von Hamburger Erzbischof Heße ab

15.09.2021 Verfehlungen in Köln keine absichtliche Vertuschung von Missbrauch

© Tiziana FABI , AFPPapst Franziskus hat den angebotenen Amtsverzicht des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße wegen Verfehlungen während seiner Zeit im Erzbistum Köln abgelehnt. Der Papst bat Heße vielmehr, "im Geist der Versöhnung" seinen Dienst in Hamburg fortzuführen.

Papst Franziskus hat den angebotenen Amtsverzicht des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße wegen Verfehlungen während seiner Zeit im Erzbistum Köln abgelehnt. Der Papst bitte Heße vielmehr, "im Geist der Versöhnung" seinen Dienst in Hamburg fortzuführen, hieß es in einer am Mittwoch von der Deutschen Bischofskonferenz verbreiteten Erklärung der vatikanischen Botschaft in Berlin. Heße habe nicht mit Absicht sexuellen Missbrauch vertuscht.

Hintergrund des Vorgangs sind Ereignisse im Erzbistum Köln, in dem Heße vor seiner Hamburger Zeit unter anderem als Generalvikar tätig war und Personalverantwortung trug. Ein vom Kölner Bistum in Auftrag gegebenes und im März veröffentlichtes juristisches Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass Heße und andere führende Vertreter des Kölner Bistums bei der Aufarbeitung älterer Missbrauchsfälle Pflichten verletzt hatten. Bei Heße ging es um elf Fälle. Er bot daraufhin dem Papst seinen Rücktritt an.

Dem Schreiben der vatikanischen Botschaft zufolge stellte der Papst nach eingehender Prüfung zwar Mängel in der Organisation und Arbeitsweise des Generalvikariats sowie persönliche Verfahrensfehler Heßes fest. "Die Untersuchung hat jedoch nicht gezeigt, dass diese mit der Absicht begangen wurden, Fälle sexuellen Missbrauchs zu vertuschen." Das Grundproblem habe im größeren Kontext der Verwaltung der Erzdiözese, im Mangel an Aufmerksamkeit und Sensibilität den Missbrauchsopfern gegenüber bestanden.

Heße reagierte zurückhaltend auf die Entscheidung aus dem Vatikan. Er übernehme "nach dem Willen des Papsts ausdrücklich wieder Verantwortung", erklärte er. "Dabei ist mir durchaus bewusst, dass es nicht unbedingt leicht sein wird, meinen Dienst wieder aufzunehmen."

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, erwartet öffentliche Kritik an der Entscheidung des Papsts. "Bei allen, die nun möglicherweise irritiert sind, werbe ich um das Zutrauen, dass die Entscheidung des Papsts aufgrund von Beratung wohl überlegt und begründet ist", erklärte Bätzing.

Er zeigte sich aber "dankbar" dass nun für das Erzbistum und seinen Erzbischof eine schwierige Zeit der Ungewissheit ende. Er wünsche einen guten Neustart. "Vieles, was im vergangenen halben Jahr liegenbleiben musste, kann nun wieder beherzt angegangen werden." In den vergangenen Monaten hatte Generalvikar Ansgar Thiem die organisatorische Leitung der Hamburger Erzdiözese übernommen. Diese erstreckt sich auch auf Schleswig-Holstein und Teile Mecklenburg-Vorpommerns.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) kritisierte die Entscheidung des Papsts scharf. "Die Begründung ist ein Problem", erklärte ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann. Wer wie der Vatikan begründe, habe nicht verstanden, dass in dem Mangel an Aufmerksamkeit und Sensibilität das Problem bestehe. "Das hatte faktische Fehlentscheidungen zur Folge, Verfahrensfehler, die auch der Vatikan in seinem heutigen Bescheid sieht", erklärte Kortmann weiter. "Es ist ein Schlag ins Gesicht für Betroffene von sexueller Gewalt, wenn aus diesen Fehlentscheidungen keine persönlichen Konsequenzen folgen."

Papst Franziskus hatte zuvor bereits die Bitte des Münchner Kardinals Reinhard Marx zurückgewiesen, ihn aus "Mitverantwortung" an der "Katastrophe des sexuellen Missbrauchs" aus dem Amt zu entlassen. Anders als etwa ein Minister kann ein Bischof nicht einfach zurückgetreten - der Papst muss ihn in der stark hierarchisch geprägten katholischen Kirche entlassen. Ebenfalls im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal hatte etwa 2018 die gesamte Bischofskonferenz Chiles geschlossen den Rücktritt angeboten - der Papst nahm diesen aber nur bei einzelnen Bischöfen an.

Noch offen ist eine Entscheidung des Papsts in Sachen des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki. Diesem wurden in dem Rechtsgutachten, das Heße belastete, keine Vorwürfe gemacht. Allerdings entsandte der Papst dennoch Visitatoren nach Köln, um dort Untersuchungen anzustellen. Deren Ergebnis steht noch aus.