Erweiterung der Möglichkeiten

Neuauflage
Beate Höing: Keramische Skulptur
Fransika Reinbothe: Malerei

23. Oktober 2022 bis 29. Januar 2023

© Stadt Paderborn

In der Ausstellung „Erweiterung der Möglichkeiten“ begegnen sich die Werke der Künstlerinnen Beate Höing und Franziska Reinbothe, treffen keramische Skulptur und Malerei zusammen. Nicht Gemeinsamkeiten sind Thema der Ausstellung, sondern die Konfrontation von unterschiedlichen Arbeitsweisen, die neue Möglichkeiten, schafft. In der Reduktion auf wesentliche Arbeiten ergeben sich besondere Blickbeziehungen zwischen den ausgestellten Werken.

Beate Höing fertigt keramische Objekte im modifizierten Einbrandverfahren. Glasuren überziehen die getöpferten Tonkörper mit einer dünnen glänzenden Schicht und verleihen ihnen Dichte, Härte und Farbe, die auch eigenwillig verlaufen darf und nicht der Technik des traditionellen Handwerks folgt. Ihre frei modellierten Kompositionen kombiniert Beate Höing mit Fundstücken aus Porzellan, seriell produzierte Massenartikel, die sie aus den ursprünglichen Figurengruppen löst, abschlägt und collagenhaft neu zusammenfügt. So entstehen Stelen, Scherbenteppiche, Figurenarrangements und traumgleiche Erzählungen wie die Werke „Nymphenhügel“ oder „Eva“ in der Ausstellung zeigen (Obergeschoss). Gegenstände wie aus einer Wunderkammer bilden einen ästhetischen Zusammenhang, der das vermeintlich Kitschige, Niedliche, Naive in seiner figurativen Fülle und Üppigkeit mit fantastischen Wesen, toten Vögeln oder einfachen abstrakten Formen verbindet und ein ambivalentes Spiel zwischen Realität und Fiktion bietet.

Der Scherbenteppich „playing by heart“ zeigt in künstlerisch-keramischer Übersetzung einen persischen Teppich. Bestimmte, sich wiederholende Ornamente, Motive und Muster sind ein Hauptmerkmal jedes persischen Teppichs, der ein breites zentrales Feld besitzt. Ein typisches Muster verwendet das Medaillon, ein symmetrisches Element meist im Zentrum des Feldes. Abschnitte des Medaillons oder ähnliche, korrespondierende Elemente füllen die vier Ecken des Feldes. In den meisten persischen Teppichen ist das Feld umgeben von Streifen, den Bordüren. Deren Anzahl variiert, zumeist findet sich eine breitere Hauptbordüre, die von schmaleren Neben- oder Wächterbordüren eingefasst wird. Die Hauptbordüre wird oft mit komplexeren Mustern ausgefüllt. Dieses traditionelle Prinzip der persischen Teppichkultur übersetzt die Künstlerin Beate Höing in eine aus Scherben ausgelegte und mit glasierter Keramik verbundenen Bodenarbeit.

Franziska Reinbothe verhandelt malerische Themen, Fragen nach Monochromie, Transparenz oder auch Materialität. Traditionsrichtungen wie Konstruktivismus, Minimal und Concept Art sind in ihrem Werk zu erkennen, aber sie führt eine ganz eigene Art der Auseinandersetzung mit dem Tafelbild. Ihre ungegenständliche Malerei bleibt nicht auf das rechteckige Bildfeld und die materielle Einheit beschränkt. Nach dem Malprozess, in dem sie konzentriert mehrere Farbschichten übereinander aufträgt, auch loses Pigment verwendet und kräftig einreibt, entwickelt sich das Bild weiter. Mit der Umformung, die Rahmen und Leisten zum Gestaltungselement macht, entstehen Bildkörper, die in den Raum ragen. Andere haben sich vollkommen von der Wand gelöst, wie die große Bodenarbeit als Zickzack geformt im Erdgeschoss. Leinwände werden gerafft oder gefaltet, durchschnitten und partiell neu vernäht. Keilrahmen legt sie frei, durchbricht oder zersägt die Leisten in einer impulsiven Geste. Das Davor und Dahinter wird zum Thema.

In der Arbeit „Dame mit gelüpftem Rock“ (Erdgeschoss) lässt die Malerei aus Acryl und Hammerschlaglack impulsive Einschläge durch Boxhiebe der Künstlerin im oberen Abschnitt erkennen. Unzufrieden mit dem Ergebnis des Malprozesses hat Franziska Reinbothe die Leinwand aus Nessel hochgezogen und die darunterliegende Füllwatte, das Innere, wird sichtbar. Durch diese Umformung ist ein neues Bild entstanden, das mit dem Titel ein humorvolles Augenzwinkern erhält.

Eigens für die Ausstellung hat die Künstlerin die große Arbeit „o. T.“, 300 × 300 cm im Erdgeschoss angefertigt. Diese besteht aus zwei gleich großen Rahmengerüsten, die aufeinander geschraubt wurden. Beide Rahmen sind mit Chiffonstoff bespannt. Das Gewebe stellt also gleichzeitig den Farbträger und die Farbe dar. Die unterschiedlichen „Schichten“ erzeugen ein räumliches Empfinden, ein Changieren zwischen den Farben, zwischen vorn und hinten. Die Ausstellung zeigt noch weitere Arbeiten aus der Chiffon-Serie.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Ausstellungsansichten und weiteren Informationen zu den Künstlerinnen im Verlag Kettler. Dieser liegt in unserem Museumsshop aus oder kann bestellt werden: ISBN 978-3-98741-025-3

Bereits im November 2020 hatten die Künstlerinnen gemeinsam eine Ausstellung in der Städtischen Galerie in der Reithalle aufgebaut. Aufgrund der Corona-bedingten Maßnahmen mit der Schließung der Museen konnte die Ausstellung nicht geöffnet werden und wurde ungesehen abgebaut. Nun kommt es zu einer Neuauflage der Ausstellung.

© Kalle Noltenhans
© Kalle Noltenhans

Programm

Eröffnung: 23.10.2022, 16 Uhr
Artist Talk: 15.1.2023, 14 Uhr


Öffentliche Führungen: 27.10.2022/3.12.2022, 16 Uhr
Kunstpraktischer Kurs Ü 50: ab 21.10.2022, 17 Uhr
Infos und Anmeldung: Susanne Kirchner, T 05251 88-12079, susanne.kirchnerpaderbornde


Schulprogramme/interaktive Führungen für Kinder und Jugendliche
Infos und Anmeldung: Dietmar Walther, T 05251 88-12637, d.waltherpaderbornde