Was liegt unter dem Monte Scherbelino?

Paderborner Stadtarchiv ging den Akten auf den Grund

© Stadt- und Kreisarchiv PaderbornSo kennen ihn die Paderbornerinnen und Paderborn: Den Monte Scherbelino als Rodelbahn. Hier eine Aufnahme aus den 70er Jahren. Das Paderborner Stadt- und Kreisarchiv befasste sich jetzt mit der Geschichte dieses stadtbekannten Hügels.

Freitag, 01. Dezember 2017 | Stadt Paderborn - Seit einigen Monaten gehen beim Verkehrsverein und im Stadt- und Kreisarchiv Paderborn Nachfragen ein, dass der Monte Scherbelino entgegen der in Paderborn schriftlich und mündlich tradierten Überzeugung gar kein „Trümmerberg“ sei, sondern eine Müllkippe, die seit 1957 in einem ehemaligen Steinbruch aufgeschüttet worden sei. Warum stehe dort noch die Informationstafel der Gesamtschule Elsen, die an dieser Stelle an die Schrecken des Krieges und an die Trümmerräumung erinnert. Gehört Paderborns Monte Scherbelino auf den Müllhaufen der Geschichte? Dieser Frage ist nun Andreas Gaidt vom Paderborner Stadt- und Kreisarchiv nachgegangen. Weiter wurde vermutet, dass eine Verwechslung mit einem anderen Steinbruch „in unmittelbarer Nähe des Querweges“ vorliege, der bis 1955 mit Trümmern aufgefüllt worden sei. Tatsächlich gab es am oberen Querweg zwei Steinbrüche in unmittelbarer Nachbarschaft. Im Flur 24, Parzellen 105/41 und 106/41, besaß die Firma Liborius Gehrken einen Steinbruch. Ab Mai 1948 wurde dieser Steinbruch per Trümmerbahn mit Schutttrümmern aufgefüllt. Die Firma Friedrich Wassermann, die die Enttrümmerung der Südstadt besorgte, gab später an, dass auf dem Grundstück Gehrken 71.800 cbm Schuttmassen abgelegt wurden, davon dienten rund 60 % für die Verfüllung des Steinbruchs, der Rest war zur Halde aufgeschüttet worden.
Nach Einstellung der Enttrümmerung im Groß-Betrieb per Bahn, die südlich der Eisenbahnlinie im August 1949 und nördlich der Bahnlinie im Oktober 1949 beendet worden war, wurde der Steinbruch Gehrken von der Stadt nicht mehr in Anspruch genommen. Die Anfuhr durch Privatleute war dort verboten. Für sie war am Südrand des Immigschen Steinbruches, nördlich von Gehrken, eigens eine Kippe angelegt worden, die 70.000 cbm Schutt fassen konnte. Bei diesem Gelände handelte es sich um den zweiten Steinbruch. Immig hatte schon spätestens im Mai 1950 den südlichen bzw. südwestlichen Teil seines Steinbruchs, also genau die Seite, die an Gehrkens Steinbruch grenzte, für das private Schuttablegen per LKW freigegeben. Am 20. Juni 1955 teilte das Paderborner Stadtbauamt mit, dass derzeit noch zwei ehemalige Steinbrüche als Abladeplätze, „auf denen überwiegend Trümmerschutt gelagert wurde“, in Betrieb seien, darunter der Steinbruch der Firma Immig KG am Querweg. Die endgültige Verfüllung wurde für den Herbst 1955 erwartet, die Trümmerbeseitigung sei damit endgültig abgeschlossen. Wir halten fest: In Immigs Steinbruch wurde bis 1955 überwiegend Trümmerschutt abgelegt, dann wurde er als Trümmerhalde geschlossen. Wegen großer Nöte in der Müllbeseitigung wurde Immigs ehemaliger Steinbruch, inzwischen in städtischem Eigentum, ab 1957 tatsächlich als Müllkippe genutzt. Da im Laufe der Jahre von ihr erhebliche Geruchsbelästigungen und Ungeziefer ausgingen, ordnete Anfang Mai 1962 Stadtdirektor Sasse an, dass der „Monte Scherbelino“, hier taucht der Begriff das erste mal in den Akten auf, besichtigt werden solle, zum 1. Dezember 1962 wurde er als Müllhalde geschlossen. Die weitere Geschichte ist bekannt: Der Monte wurde begrünt und Rodelbahnen wurden angelegt, ab Mitte der 1970er-Jahre wurde er in mehreren Baumaßnahmen zu einem Naherholungsgebiet ausgebaut, das am 20. Juni 1998 mit Kinderspielplatz, zwei Grillhütten und einer Aussichtsplattform eingeweiht worden ist.
Fazit: Unter dem Monte Scherbelino ruhen mindestens ca. 70.000 cbm Trümmerschutt, die zwischen 1950 und 1955 in dem ehemaligen Steinbruch Immig am oberen Querweg abgelegt worden sind. Ab 1957 wurde das Gelände als Müllkippe weiter genutzt, die 1962 geschlossen wurde. Verabschieden muss man sich von dem Gedanken, dass am Paderborner Monte ausschließlich Trümmer liegen und dass diese per Trümmerbahn an den Querweg gebracht worden sind. Gleichwohl scheint die Lokalität für einen „Monte Scherbelino“ am oberen Querweg am ehemaligen Steinbruch Immig und dem anliegenden von Gehrken gut gewählt. Dies gilt auch für den Standort der Erinnerungstafel der Gesamtschule Elsen: Von hier aus blickt man über den Monte in Richtung des ehemaligen Steinbruchs Gehrken, auf dessen Trümmern die Sportanlage mit dem Waldstadion liegt. Der Monte Scherbelino also eine Legende? Wohl kaum.
Ausführlich wird diese Geschichte mit zahlreichen Belegen in der Weihnachtsausgabe der Warte erzählt.

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