LIBORIUS PONTIFEX

750 Handschriften über den hl. Liborius

© Stadt PaderbornProf. Dr. Volker de Vry (links) und Jan Helmig stellten den Zwischenstand des Forschungsprojekts im Rathaus vor.

Donnerstag, 16. Juli 2026 | Stadt Paderborn - Es ist das größte Forschungsprojekt über den hl. Liborius, das jemals begonnen wurde. 750 mittelalterliche Handschriften über den hl. Liborius sind in drei Erdteilen gesucht und gefunden worden: Europa, Nordamerika und Australien. Und es ist eines der größten Forschungsprojekte über einen Heiligen der Spätantike überhaupt – jetzt sind zum Liborifest 2026 die Arbeiten am Katalog der inzwischen auf die gewaltige Zahl von 750 angewachsenen Handschriften der „Manuscripta Liboriana“ weitgehend abgeschlossen. Im Paderborner Rathaus, dem Ort der Gründung der Liborius-Gesellschaft, wurde von den Forschern am Donnerstag ein großer Zwischenbericht gegeben. An den Katalog schließt sich nun die Erstellung der umfangreichen und hochkomplexen Studien an. Hinter dem Forscherteam um Prof. Dr. Volker de Vry, zugleich Geschäftsführer der Liborius-Gesellschaft Paderborn, liegen endlose Forschungstage und -nächte, so de Vry gestern im Pressegespräch im Paderborner Rathaus.

De Vry scrollt im PC die Ordner herunter, endlose Ordner mit Unterordnern aus allen möglichen Städten der Welt, wo sich Liborius-Handschriften befinden. Das Scrollen nimmt kaum ein Ende und die Wucht dieses Projektes wird allen mehr als klar vor Augen geführt: 2021 hatte die Liborius-Gesellschaft das derzeitige Liboriusprojekt ins Leben gerufen und damit den 2. Forschungszeitraum eröffnet. Die Vertreter von Stadt, Erzbistum, Metropolitankapitel und Heimatverein Paderborn gaben damit den Startschuss für die Suche nach und die Zusammenstellung sämtlicher Schriftlichkeit über Bischof Liborius von Le Mans, die heute noch auffindbar ist. Das sind weltweit alle mittelalterlichen Handschriften vom 8. bis zum 15. Jh., die über Liborius berichten, exakt 77 % davon (574 Handschriften mit Einträgen über Liborius) sind aufgefunden worden und waren der Forschung bislang völlig unbekannt. De Vry bezeichnet dies als die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, aber er sagt dies auch mit einer Gelassenheit eines Forschers, der seit 30 Jahren über Liborius wissenschaftlich arbeitet. Dass dies ein Mammutprojekt ist, das man nicht in drei Jahren bewältigen kann, war wohl jedem gestern im Rathaus bei dem wirklich beeindruckenden Zwischenbericht völlig klar. Und die Gesellschafter der Liborius-Gesellschaft können sich bestätigt darin sehen, wie einzigartig und wichtig es war, dieses Projekt ins Leben zu rufen. Aus diesem Grund hatte der Erzbischöfliche Stuhl in 2021 auch selbstredend die Finanzierung übernommen und es ermöglicht, dass auch der Promotionsstudent Jan Helmig M.A. von der Universität Paderborn als Assistent für das Projekt tätig werden konnte.

Ein weiterer Grund, dieses umfangreiche Projekt ins Leben zu rufen, waren und sind die Vorbereitungen auf das große Liborijubiläum 2036, das nun in schnellen Schritten naht: 1200 Jahre Überführung der Liborius-Reliquien von Le Mans nach Paderborn. Die Grundlagenforschung des Liboriusprojektes soll der Wissenschaft das Rüstzeug an die Hand geben, um für 2036 eine Grundlage für weitere Forschungen zu haben. „Das große Liborijubiläum 2036 wird weit über die Grenzen Paderborns hinweg ein riesiges Interesse von allen Seiten hervorrufen“, so de Vry. „Paderborn kann sich schon jetzt auf ein Jubiläum der absoluten Superlative freuen.“

Das unter dem Titel „Liborius Pontifex“ laufende, streng wissenschaftliche Forschungsprojekt schließt unmittelbar an die Forschungen der Jahre 1993 bis 1997 an der renommierten Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. an. Hier waren vor allem die Viten und Translationsberichte des hl. Liborius am Konkordatslehrstuhl Mittelalterliche Geschichte bei dem berühmten Kapitularien- und Karolingerexperten Prof. Dr. Hubert Mordek (1939-2006) und am Lehrstuhl für Lateinische Philologie des Mittelalters bei dem nicht minder berühmten Päpstl. Archivar Prof. Dr. Paul-Gerhard Schmidt (1937-2010) durch Prof. Dr. Volker de Vry erarbeitet worden. Das trotz einer Auflage von 2.000 Exemplaren aus den Forschungen resultierende und längst vergriffene Werk „Liborius – Brückenbauer Europas“ gilt inzwischen als Standarwerk der Quellenforschung über Liborius und ist wissenschaftlich vollumfänglich rezipiert.

Prof. de Vry, sein Assistent Jan Helmig und der KI-Experte Paul Pavlov berichteten nun im Rathaus auch über einzelne Handschriftenfunde und die Vorgehensweise, die zu dieser ausgesprochen erfreulichen Fülle an aufgefundenen Handschriften geführt hat. „Jahrelange Beschäftigung mit dem hl. Liborius und der Liborifestgeschichte sind unerlässlich, um so weit in das Forschungsgebiet überhaupt vorstoßen zu können“, so de Vry. Und weiter: „Die Thematik ist extrem komplex und äußerst kompliziert. Wir robben uns regelrecht an den historischen Liborius heran, Millimeter für Millimeter. Das ist eigentlich ein ganz guter Vergleich. Da nutzt kein nach links oder rechts Blicken – man muss den einmal für richtig befundenen Weg mit Akkuratesse fortsetzen, trotz aller Widrigkeiten, die natürlich auch uns auch auf diesem steinigen Weg begegnen“, so de Vry. „Walter Goffart, ein lieber Kollege aus Harvard, hat die Liboriusforschung einmal mit jemandem verglichen, der an einem Fluss sitzt und im Wasser herumstochert; je länger er stochert, desto trüber wird die Sicht, bis man nichts mehr erkennt. Goffart nannte dies ‚The litterary adventures of St. Liborius‘.“
Die zum Teil komplett unter strengem Verschluss und nur für ausgewiesene Wissenschaftler zugänglichen Handschriften verteilen sich vom Benediktinerstift Admont in Österreich über die Ampleforth Abbey (England), über Baltimore, Barcelona, Cambridge, Chicago, Graz, Halberstadt, Lancashire (England), Lissabon, London, Malibu, Manchester, Melbourne, Montserrat, New York, Orleans, Oxford, Princeton, Reno (Nevada), Riga, San Marino, Sankt Petersburg, Stockholm bis in die Biblioteca Apostolica Vaticana, um nur einige der Aufbewahrungsorte der 750 Codices zu nennen. Zahlenmässig weisen Berlin, Hannover, Kassel, Le Mans, München, Münster, Trier, Paris und Wolfenbüttel die meisten Manuscripta Liboriana auf.

Prof. de Vry wies auch auf die extrem komplexen Zusammenhänge der Ereignisse der Jahre 834 bis zur Translatio in Le Mans hin. „Wir standen vor einem heillosen Durcheinander und endlosen Widersprüchen: Wann wurde das Liboriusgrab erstmals geöffnet und wann wurden welche Reliquien entnommen und wohin gebracht. Und dann kommt von irgendwoher plötzlich ein ganz unscheinbares, mittelalterliches Brevier mit Lesungen zum Fest des hl. Liborius zum Vorschein, bislang völlig unbeachtet, das ein weiteres Puzzleteil der Ereignisse der Jahre 834-836 erhellt“, so de Vry.
Dass es bereits vor April 836 Schriftlichkeit über Liborius gab, das war bereits ein herausragendes Ergebnis des ersten Forschungszeitraums 1993-1997. Nun hat sich dies aber weiter erhärtet, mehr noch: Die Forschungen sind im 8. Jahrhundert angekommen und haben das Jahrhundert der Translatio um ein weiteres Jahrhundert erweitern können. „Die Schriftlichkeit über Liborius beginnt nun zu Beginn des 7. Jh. und damit kommen wir etwa mit einem Abstand von 150 Jahren an den Tod des Liborius heran. Der Zwischenzeitraum, den de Vry das ‚liborianische Spatium‘ nennt, markiert den Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit über Bischof Liborius von Le Mans.

Prof. de Vry, der auch an der Kath. Hochschule Nordrhein-Westfalen und der international bekannten Deutschen Sporthochschule in Köln doziert, beginnt im Wintersemester mit der Erarbeitung der „Studien“ als Auswertung des Kataloges und der 750 Codices. Mit einer Veröffentlichung der Ergebnisse rechnet er zum Liborifest 2028. Dann sollen sämtliche Handschriften auch über ein eigenes Internet-Portal in ihrer Gesamtheit von Paderborn aus zugänglich sein. Auch dies wird ein weiterer Meilenstein in der Forschung um den Paderborner Dom-, Bistums- und Stadtpatron sein. „Wenn Liborius und sein Fest eine weltweit einzigartige, prägende Identität unserer Stadt sind, dann müssen der hl. Liborius und sein Fest auch entsprechend erforscht werden. Dazu hat die Liborius-Gesellschaft die Weichen gestellt mit dem Ziel, irgendwann ein Liborius-Institut für Paderborn zu gründen. Sie hat dies als ein ‚nobile officium‘ erkannt.“

Stadt Paderborn

Amt für Öffentlichkeitsarbeit und Stadtmarketing