PADERBORN-JOURNAL: Im Gespräch mit Paderborns Bürgermeister Heinz Paus

Die Hand reichen

Lange Jahre war es ein wenig beachtetes Kapitel: Das Thema Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs. Die Männer und Frauen, die aus Polen, der Ukraine und anderen Teilen Europas nach Deutschland gezwungen wurden und unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften mussten, spielten in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle. Erst in jüngster Vergangenheit änderte sich das. Der Paderborner Stadtrat beschloss im Februar 2000, sich diesem Thema zu widmen. Was ist seitdem geschehen, wollte das PADERBORN JOURNAL von Bürgermeister Heinz Paus wissen. P.J: Sie werden in diesem Monat nach Donezk in der Ukraine reisen. Warum? Ich möchte dort ehemalige, in und für Paderborn tätige Zwangsarbeiter besuchen. Gerade aus der Gegend um Donezk, dem ehemaligen Stalino, kamen sehr viele Zwangsarbeiter nach Paderborn. Ich möchte den Menschen die Hand reichen und ihnen im Auftrag des Rates ein kleines Geldgeschenk übergeben als Zeichen dafür, dass wir uns diesen Menschen besonders verbunden fühlen, die unter dem Terrorsystem Hitlers in unserer Stadt arbeiten mussten und dafür oft nach dem Krieg durch das Terrorsystems Stalins weitere Repressalien zu erdulden hatten.. P.J: Wie wurde die Verbindung zu den Menschen geknüpft? In Kooperation mit der Universität Paderborn hat sich die Historikerin Christa Mertens in einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt ausführlich mit der Zwangsarbeit in Paderborn befasst. Sie hat nicht nur Adressen von mehr als 100 Überlebenden ermittelt, sondern auch eine 180 Seiten starke Dokumentation über das Thema geschrieben. Darin setzt sie sich auch intensiv mit dem Aspekt "Kommune und Zwangsarbeit" auseinander und gibt einen Überblick über alle ermittelbaren Arbeitsstätten, Lager sowie Zwangsarbeiterzahlen für die Stadt Paderborn und die Umgebung. P.J: Wo arbeiteten und lebten die Zwangsarbeiter? Einsatzorte waren unter anderem Höfe um Paderborn und in den umliegenden Gemeinden, aber auch die Heeresmunitionsanstalt in Sennelager sowie die beiden Reichsbahnausbesserungswerke in der Stadt. Untergebracht waren die Zwangsarbeiter unter anderem in den beiden Lagern der Reichsbahnausbesserungswerke an der Wollmarktstraße und der Hermann-Kirchhoff-Straße, im Lager der Stadtverwaltung am Grünen Weg und im Lager der Firma Welle in der Wollmarktstraße. Einige hundert Zwangsarbeiter waren in Paderborn im Einsatz, davon auch eine nicht unerhebliche Zahl direkt für die Stadt Paderborn. P.J: Wie erging es diesen Menschen in Paderborn? Eine generelle Antwort dafür gibt es nicht, die Schicksale waren sehr unterschiedlich. Akkord- und Nachtarbeit, schlechte Verpflegung und unzureichende medizinische Versorgung, soziale Isolierung und Überwachung waren vielfach schlimme Realität. In ihrer wenigen freien Zeit wurden die Zwangsarbeiter nicht selten schikaniert. Aus Erinnerungsberichten wissen wir, dass es aber auch viele Paderborner gab, die den Zwangsarbeitern beispielsweise Butterbrote zusteckten. P.J: Wie war das Verhältnis der Kommune zur Zwangsarbeit? Die Forschungsarbeit stellt ganz klar heraus, dass die Verbindung der Kommune zur Zwangsarbeit sehr viel umfassender war, als nur der Einsatz von Zwangsarbeitern in Stadtdiensten. Die Kommune nahm ganz klar administrative Funktionen wahr. Sie sorgte im Verbund mit anderen Behörden, Privatfirmen, Institutionen von Reichsbahn und Landwirtschaft federführend dafür, dass der Einsatz der Zwangsarbeiter vor Ort reibungslos und effektiv lief. Sie machte ihn damit ein Stück weit erst möglich. P.J: Wollen Sie die Kontakte zu diesen Menschen nach dem Besuch weiter pflegen? Ja, das ist beabsichtigt. Wir haben eine moralische Verpflichtung für das ihnen angetane Leid und Unrecht. Dazu hat sich der Paderborn Rat ganz klar bekannt. Ich möchte einzelne Zwangsarbeiter aus dem Gebiet um Donezk bei diesem ersten Treffen nach Paderborn einladen. Ich könnte mir vorstellen, dass es besonders für Schülerinnen und Schüler interessant wäre, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Denn solche Zeitzeugen können gerade der jungen Generation, die glücklicherweise nie einen Krieg hat erleben müssen, wichtige Erfahrungen und Lehren vermitteln.