Stadt Paderborn bekennt sich erneut zu historischer Verantwortung

Symbol für Aussöhnung und Völkerverständigung

Warschau/Die Gesten hatten Symbolkraft. Frauen, die bei ihren Erzählungen weinten, Männer, die beim Händeschütteln feuchte Augen bekamen. Die gut 80 ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter, die einer Einladung der Stadt Paderborn nach Warschau in den Sitz der Stiftung "Deutsch-Polnische Aussöhnung" folgten, waren sichtlich gerührt und sehr interessiert, ihre Erinnerungen an die schwere Zeit vor 60 Jahren in Paderborn an Bürgermeister Heinz Paus weiterzugeben. Die Geste des "Sich-auf-den-Weg-Machens" des Paderborner Bürgermeisters habe große Symbolkraft, stellte Prof. Jerzy Sulek, Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung zu Beginn des mehr als vierstündigen Treffens fest. Zwar habe es in der Vergangenheit bereits Initiativen anderer deutscher Städte zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter gegeben, doch sei dies nie mit einem persönlichen Treffen städtischer Vertreter mit den Überlebenden vor Ort einher gegangen. Dieses Treffen sei ein Symbol der Völkerverständigung und Aussöhnung, so Sulek. Bereits im Mai hatte sich Bürgermeister Heinz Paus begleitet von Christa Mertens, die für das vom Rat beschlossene Forschungsprojekt "Zwangsarbeit in Paderborn" verantwortlich ist, auf den Weg nach Donezk in die Ukraine gemacht, um dort 37 ehemalige Zwangarbeiter aus der Ukraine zu treffen. Wie auch beim dortigen Besuch hatte das Paderborner Stadtoberhaupt den Zwangsarbeitern als kleines Zeichen der Anerkennung 400 Euro pro Person mitgebracht. "Mit diesem Forschungsprojekt und den Treffen bekennt sich die Stadt Paderborn zu ihrer historischen Verantwortung", so Bürgermeister Heinz Paus. "Ich möchte Ihnen ganz herzlich dafür danken, dass Sie unsere Einladung angenommen haben. Dies ist ein großes Zeichen im Sinne der Völkerverständigung und Menschlichkeit", sprach das Stadtoberhaupt den Zwangsarbeitern seine tiefe Anerkennung aus. In den mit den Paderborner Stadtfarben geschmückten Festsaal hatten viele Zwangsarbeiter alte Fotos, Arbeitsbücher und niedergeschriebene Erinnerungen mitgebracht. Viele, insbesondere diejenigen, die auf den Bauernhöfen im Paderborner Umland eingesetzt waren, hatten gute Erinnerungen. Einige waren wie Familienmitglieder aufgenommen worden. Jan Swiatkowski hatte solch gute Erinnerungen und bat den Bürgermeister, seinen ehemaligen Arbeitgeber - die Firma Backhaus - von ihm zu grüßen. Auch Klara Dudek berichtete Gutes. Sie habe nicht nur den Kontakt gehalten, sondern auch 1982 und 1986 die Marienloher Bauernfamilie besucht, für die sie während der Kriegszeit gearbeitet hatte. Mit einem Lächeln zog sie ein Foto vom Schützenfest 1986 in Marienloh aus ihrer Handtasche. Doch sie erinnert sich auch an die Schwere der Arbeit und den Kummer, mit 14 Jahren fern ab der Heimat ohne Familie und Freunde zu leben. Besonders bewegend ist das Schicksal von Antonina Falinska, die nach all den Jahren noch so stark berührt von den Erlebnissen nur unter Weinen davon zu erzählen vermag. Als sie ihre sterbenskranke Mutter ein letztes Mal besuchen wollte, wurde ihr das von der Firma Metallwerke Schneider in Paderborn an der Riemekestraße verwehrt. Der letzte Wunsch der Mutter blieb unerfüllt, sie starb, ohne die Tochter noch einmal gesehen zu haben. Stattdessen kam die Tochter einen Monat ins Gefängnis und wurde dort schwer misshandelt. Zu allem Unglück hatte sie nach ihrer Rückkehr in die Firma auch noch einen schweren Arbeitsunfall. Sie kam mit ihren Haaren in eine Maschine. Zwangsarbeiter wurden Opfer von Bombenangriffen auf Paderborn. Sie arbeiteten in kriegswichtigen Betrieben, wie den Reichsbahnausbesserungswerken, die ein Hauptangriffsziel der Alliierten waren. Es gab daneben aber auch Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Gesundheitsschäden durch die Zwangsarbeit, die den Überlebenden ein Leben lang zu schaffen machten. Jozef Borowiec, ebenfalls Zwangsarbeiter in dem Paderborner Reichsbahnausbesserungswerk, ruinierte sich sein Gehör: "Es war so laut, dass damals mein Gehör kaputt ging. Also: Bei den Kesseln mit den Schrauben, das war sehr laut und mein Gehör wurde geschädigt. Am Schlimmsten hatte es der, der im Kessel war. Wir hatten sogar Ohrenschützer. Aber das hat nicht viel gebracht. Nach einer halben Stunde konnte man überhaupt nichts mehr hören. Damals war ich zwanzig Jahre alt", erinnerte er sich im Gespräch mit Heinz Paus. Mehrere Zwangsarbeiter erklärten sich bei dem Treffen bereit, im nächsten Jahr nach Paderborn zu kommen, um mit Schulklassen und deutschen Zeitzeugen zu diskutieren.