Tag des offenen Denkmals
Paderborn präsentiert imposante Stadtvillen
Gleich viermal Baugeschichte zum Anfassen gibt es am Sonntag, 14. September, beim Tag des offenen Denkmals in Paderborn. Mit der Pfarrkirche St. Heinrich und Kunigunde in Schloß Neuhaus (Führungen um 13 und 16 Uhr durch Ortsheimatpfleger Michael Pavlicic) und der Glashütte Uhden in Neuenbeken (Führungen um 12 und 15 Uhr durch Rainer Rehbein und Wolf Köster) stehen zwei geschichtsträchtige Baudenkmäler in den Stadtteilen für eine Besichtigung zur Auswahl. Dem zentralen Motto des Tages "Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal" folgt auch Paderborn. Mit dem Eckhaus Neuhäuser Straße/Fürstenweg und Neuhäuser Straße 72 gegenüber der Einmündung der Rathenaustraße werden zwei imposante Stadtvillen ihre Türen öffnen. Treffpunkt für die Führungen, bei der Studiendirektor i.R. Klaus Hohmann jeweils um 11 und 15 Uhr auch noch weitere Bauten vorstellt, ist die Straßenecke Neuhäuser Straße/Theodorstraße. Außerhalb der Führungen können die Baudenkmäler innen nicht besichtigt werden. Pfarrkirche St. Heinrich und Kunigunde Der Ortsheimatpfleger Michael Pavlicic wird beim Tag des offenen Denkmals um 13 und 16 Uhr durch die Pfarrkirche St. Heinrich und Kunigunde führen. Sie wurde von Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg am 5. Juli 1668 geweiht. Auf dem Gelände des Haupthofes Neuhaus ist wohl schon kurz nach 1036 eine bischöfliche Eigenkirche entstanden, ein Vorgang, der auch bei anderen Haupthöfen nachweisbar ist (z. B. Neuenbeken). Grundrisspläne der mittelalterlichen St.-Ulrichs-Kirche, die erhalten geblieben sind, belegen, dass es sich bei diesem Bauwerk um eine romanische Kirche gehandelt hat, die zwischen 1150 und 1200 entstanden sein dürfte. Die Neuhäuser Pfarrkirche war in alter Zeit Kirchspielskirche für die Stadt Neuhaus sowie für die beiden Bauernschaften Thune und Altensenne auf einer Gesamtfläche von 35 Quadratkilometern. Erst in diesem Jahrhundert wurden Mastbruch und Sennelager abgepfarrt. Wegen der Größe des Kirchspiels war die romanische St.-Ulrichs-Kirche in der Zeit des Fürstbischofes Ferdinand von Fürstenberg (1661 – 1683) viel zu klein geworden. Ferdinand, einer der bedeutendsten Gelehrten der deutschen Barockzeit, war neun Jahre bis zu seiner Bischofsweihe am päpstlichen Hof in Rom gewesen. Nach seinem Regierungsantritt machte er die Residenzstadt Neuhaus zum kulturellen Mittelpunkt des Hochstiftes Paderborn und darüber hinaus. Nach neueren Forschungen hat der bekannte Barockbaumeister Ambrosius von Oelde auf Geheiß des Fürstbischofes die alte Kirche abbrechen lassen und durch den jetzt vorhandenen Bau ersetzt. Von der alten Kirche blieb lediglich der Turm stehen. Die gesamten Baukosten hat Ferdinand nachweislich aus seinem Privatvermögen bestritten. Am 5. Juli 1668 konnte der Fürstbischof den Neubau mit der prachtvollen Innenausstattung einweihen. An nicht weniger als 15 Stellen des Gebäudes und der Inventarstücke ist sein Wappen noch heute zu bewundern. Für die kunsthistorische Fachwelt stellt die Neuhäuser Kirche als gotisierende Saalkirche eine Besonderheit dar, da sie noch in gotischer Bauweise errichtet wurde, obwohl die Barockzeit bereits Einzug gehalten hatte. Dieses Phänomen ist damit zu erklären, dass Westfalen in der Bauentwicklung in früheren Jahrhunderten sehr oft rückständig war und an alten Bautraditionen lange festhielt. Das Innere der Pfarrkirche, der Fürstbischof Ferdinand das heilige Kaiserpaar Heinrich und Kunigunde als neue Patrone gegeben hatte, besticht durch die einheitliche Barockausstattung. Fast alle bedeutenden westfälischen Künstler der Barockzeit – Fabritius, Axer, Pütt, Anton Josef und Heinrich Stratmann – haben sich hier mit ihren Kunstwerken verewigt. Lediglich der Renaissance-Taufstein stammt noch aus der alten Ulrichskirche. Schloss und Pfarrkirche bilden mit den umliegenden historischen Gebäuden des alten Marktplatzes eine architektonisch gewollte Einheit, die nach erfolgter Renovierung verstärkt zur Geltung kommt. Zwei Stadtvillen aus der Zeit um 1900 Bei den Führungen um 11 und 15 Uhr durch Studiendirektor i. R. Klaus Hohmann (Treffpunkt Neuhäuser Straße/Theodorstraße) werden am Beispiel imposanter Stadtvillen unterschiedlichen Typs und Dekoration an der Neuhäuser Straße charakteristische Merkmale der historistischen Bauepoche um 1900 vor Augen geführt. Im Mittelpunkt stehen das Eckhaus Neuhäuser Straße 48/Fürstenweg 1, das der Stadtbaumeister Franz- Joseph Hellweg um 1900 als großbürgerliches Miethaus in der Gestalt einer Stadtvilla erbaute, und die Stadtvilla Neuhäuser Straße 72, die um 1910 entstand. Sie gehören zu den wenigen älteren Häusern, die den Krieg fast oder ganz unbeschädigt überstanden haben. Die beiden Bauten sind zwei Pole der historistischen Formensprache. Das Wohngebäude Neuhäuser Straße 48 ist äußerlich eine großzügige dreigeschossige Stadtvilla mit aufgesetztem Mezzaningeschoß und mit einer für die Zeit typischen Betonung der Ecksituation sowie einer reichen Fassadendekoration. Rückfront und Treppenhäuser lassen aber die Funktion als Miethaus der gehobenen Mittelschicht erkennen. Die beiden Schauseiten des Gebäudes erscheinen als Backsteingeschosse mit angeputztem Dekor in der Formensprache teils der Renaissance, teils des Barock über einem verputzten Erdgeschoß. Die ursprüngliche Gestaltung der Treppenhäuser ist erhalten. Die Villa Neuhäuser Straße 72 folgt als Baukörper der Bauidee des Jugendstils, asymmetrisch von innen nach außen zu bauen. Der Putzbau zeigt außerdem Fachwerkteile, wie sie im sogenannten Heimatstil bzw. Heimatschutzstil dominieren. Die Mischung der beiden Stilrichtungen ist vor allem bei Villen nach 1900 vielfach anzutreffen, dieser Haustyp ist in Paderborn nach den Kriegsverlusten und folgenden Abrissen jedoch selten geworden. Das Treppenhaus mit Türen und Fenstern im Jugendstil kann besichtigt werden. Auf dem Weg zwischen den beiden Objekten werden an anderen Bauten weitere charakteristische Merkmale der historistischen Epoche exemplarisch erklärt. Städtebauliche Qualität, vom historischen Rückgriff verdeckte Modernität und spielerische Formenfindung werden neben den denkmalpflegerischen Aspekten besondere Beachtung finden. Glashütte Uhden lockt in Neuenbeken Um 12 und um 15 Uhr stellen Rainer Rehbein und Wolf Köster, Orstkurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die Glashütte Uhden in Neuenbeken vor. August Uhden kaufte 1826 einen Waldteil, das Buchholz, östlich von Neuenbeken vom preußischen Fiskus und erbaute 1828/1829 eine neue Glashütte. Sein Sohn Carl, der den Betrieb 1843 übernahm, brachte ihn zur Blüte und führte die Steinkohlenfeuerung ein. Carl Uhden hatte einen Vertrag mit der Eisenbahn geschlossen, wonach die benötigten Steinkohlen mit einem Zug herangeschafft und auf offener Strecke über eine Rampe abgeladen wurden. Von 1871 bis 1878 hatte die Hütte einen zweiten Schmelzofen, den „Turm“. Das Hüttengebäude, der „Turm“, wurde auch als die „feine“ Hütte bezeichnet – der dort hergestellte Labor- und Medizingläser wegen. Zahlreiche Glasfunde bestätigen das überlieferte Produktionssortiment. Auf Buchholz wurde nur Hohlglas erzeugt, auf eine Milchflasche für Säuglinge – mit einem Storch gezeichnet – hatte die Hütte einen Musterschutz. Die Räder der Schleiferei wurden bis 1901 durch ein Wasserrad, dann durch eine Dampfmaschine angetrieben. Nach Tod von August Uhden übernahm sein Sohn Fritz die Glashütte, bis sie von ihm 1905 stillgelegt wurde. Der Vertrag mit der Eisenbahn war von ihr gekündigt worden. Sie bot zwar einen Plan für ein Anschlussgleis an, der aber einen Kostenaufwand von 120.000 Mark erforderte, den Uhden allein zahlen sollte. Außerdem sollte die Glashütte laufend das Gehalt eines Weichenstellers hergeben. Somit war die Hütte nun nicht mehr rentabel. 1911 verkaufte Uhden das Gelände der ehemaligen Glashütte. Von dieser Hütte ist der fast unverändert gebliebene zehneckige Kernbau übrig geblieben. Im Jahre 1986 beschloss der Heimatschutzverein Neuenbeken den „Turm“ der ehemaligen Glashütte, ein Denkmal der ersten Industrie im Ort, zu restaurieren. Auf die im Herbst 1987 begonnenen archäologischen Untersuchungen folgte eine Restaurierung und Wiederherstellung des alten Zustandes.