Fotos von Albert Renger-Patzsch im Stadtarchiv

Glücksfall für Paderborn

Einen außergewöhnlichen Zugang hat die Fotosammlung des Stadtarchivs Paderborn zu verzeichnen. 210 Original-Fotos von Albert Renger-Patzsch gelangten aus Privathand ins Archiv. Einzigartig sind die Aufnahmen nicht nur aufgrund ihrer Paderborner Motive aus den Jahren 1941 und um 1960, sondern aufgrund des Renommees des „Fotographen der Dinge“. Denn Albert Renger-Patzsch gilt als stilbildender Lichtbildner der Neuen Sachlichkeit, dessen Wirkung bis in die heutige Fotographie reicht. Renger-Patzsch wird am 22. Juni 1897 geboren, 1921/22 entstehen für den Folkwang-Verlag erste Pflanzenaufnahmen, die durch ihre Detailgenauigkeit bestechen. Die hier geforderte Detailtreue wird für Renger-Patzsch zum fotographischen Konzept. Den internationalen Durchbruch und ein überwiegend enthusiastisches Presseecho erzielt er 1928 mit seinem Band „Die Welt ist schön“, der etwa von Thomas Mann und Kurt Tucholsky positiv besprochen wird. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird der Foto-Markt beherrscht von malerischen Fotos im Jugendstil, die mit Weichzeichner und Edeldruck verändert sind. Als Reaktion auf diese impressionistische „Kunst-Fotographie“ entwickelt sich die „Neue Sachlichkeit“, die in Deutschland vor allem mit dem Dreigestirn August Sander, Karl Bloßfeldt und Albert Renger-Patzsch verbunden ist. Für die Neue Sachlichkeit sollten Fotos nicht mehr künstlerisch wirken, sondern in der Nachfolge der Realisten wie Daguerre Abbilder der Wirklichkeit sein. Die Absicht, die Realität zu dokumentieren, steht für Renger-Patzsch im Vordergrund seines Schaffens. So schreibt er: „Man sollte wohl in der Fotographie vom Wesen des Gegenstandes ausgehen und mit rein fotographischen Mitteln versuchen, diesen darzustellen, ganz gleich, ob es ein Mensch, eine Landschaft, eine Architektur oder sonst etwas ist.“ Die Aufgabe der Fotographie liege „in der exakten Wiedergabe der Form, der Inventarisierung und der Schaffung von Dokumenten“. Der künstlerische Akt bestehe vor allem in der Auswahl des Gegenstandes, des richtigen Standpunktes und der Perspektive, aber auch in der Bildkomposition und in technischen Vorgaben. Nach seinem „Musterbuch der Gegenstände“, wie Renger-Patzsch „Die Welt ist schön“ nennt, erscheinen zahlreiche weitere Bände. In den 1950er Jahren arbeitet er häufig für Industrieunternehmen, Boehringer in Ingelheim finanziert seine späten Werke über „Bäume“ und „Gestein“, zu denen Ernst Jünger die einleitenden Essays schreibt. Albert Renger-Patzsch erfährt viele nationale und internationale Ehrungen, so wird er z.B. Träger des Staatspreises für das Kunsthandwerk des Landes NRW. Am 27. September 1966 stirbt er in Wamel bei Soest. Der Einfluss Renger-Patzschs reicht bis in die Gegenwart, nämlich immer dann, wenn Dokumentation der Gegenstand von Fotographie ist. Größere Teile des Nachlasses befinden sich heute im Renger-Patzsch-Archiv von Ann und Jürgen Wilde in Köln und, vor allem die Korrespondenz, im Paul-Getty-Museum in New York. Für das schwer kriegszerstörte Paderborn sind die Paderborner Fotos von Renger-Patzsch von 1941, die wie alle Lichtbilder der Neuen Sachlichkeit durch ihre Authentizität bestechen, ein Glücksfall. Knapp 80 der 210 Renger-Patzsch-Fotos, die sich jetzt im Stadtarchiv befinden, sind bereits im Bildband „Paderborn“ mit einer Einführung von Reinold Schneider und kunsthistorischen Erläuterungen von Wilhelm Tack 1949 im Schöningh-Verlag erschienen. Nach Auskunft des damaligen Prokuristen bei Schöningh, Dr. Volker Werb, scheiterte ein zweiter Band mit Nachkriegsaufnahmen, den der Verlag anregte, an der fehlenden Zeit von Renger-Patzsch. Ob ihrer stadt- und kunstgeschichtlichen Bedeutung bilden die Fotos nun einen weiteren Schmuckstein in der Fotosammlung des Stadtarchivs, in der mittlerweile rund 25.000 Ansichten Paderborns zugänglich sind. Mit ihr erwirbt sich die Stadt nicht nur regionales, sondern auch überregionales Ansehen; so ist Paderborn beispielsweise als einzige ostwestfälische Stadt im Bildband „Brandstätten“ (2003) des renommierten Berliner Historikers Jörg Friedrich über die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg vertreten. Mit der visuellen Bewahrung ihrer Geschichte überzeugt die Universitätsstadt Paderborn einmal mehr.