Pokal des Liedervaters jetzt im Museum
Dr. Margit Naarmann übergab ein Stück Stadtgeschichte
Eine Ur-Urenkelin des früheren Gymnasialprofessors Dr. Franz-Josef Hester vom Gymnasium Theodorianum, Gudrun Humborg aus Münster, machte dem Museum für Stadtgeschichte in Paderborn ein Geschenk. Im Auftrag der Ur-Urenkelin übergab die Paderborner Historikerin Dr. Margit Naarmann einen silbergetriebenen Pokal in einer Deckelhöhe von etwa 30 cm an Markus Runte vom Museum für Stadtgeschichte. Den Pokal hatte der Männergesangverein „Liedertafel“ Dr. Hester, „ihrem Liedervater“, zum 26. Mai 1868 geschenkt, wie die Gravur beweist. Im Folgenden geht Dr. Margit Naarmann auf die geschichtlichen Hintergründe ein: Dr. Franz Josef Hester wurde 27. Februar 1831 als Sohn des Glaser- und Schreinermeisters Adam Hester in Paderborn geboren. Nach seiner Reifeprüfung am Gymnasium Theodorianum studierte er zunächst Theologie in Bonn, Paderborn und München, schloss in Münster ein Philosophiestudium an und unterrichtete seit 1859 (bis 1900) am Theodorianum die Sprachen Latein und Griechisch (September 1867 Ernennung zum Gymnasialprofessor). In diesem Jahr nahm ihn auch die „Liedertafel“ als Mitglied auf. Franz-Josef Hester heiratete Maria Marfording, eine Schwester des bekannten Paderborner Justizrates Josef Marfording. Aus diesem Anlass wurde ihm vermutlich der Pokal geschenkt. Aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor. Hesters Bruder Carl war Besitzer der Hester´schen Brauerei. Dr. Hester war Liedervater, d.h. Vorsitzender des Männergesangvereins, von 1865 bis 1870. Diese Bezeichnung ist bis heute im Paderborner Männergesangverein erhalten geblieben. 1905 erhielt er die Ehrenmitgliedschaft des Vereins verliehen. Am 21. Mai 1907 starb Franz-Josef Hester in Paderborn. Die Paderborner „Liedertafel“ war 1838 gegründet worden. Die deutschen Männergesangvereine, die Paderborner eingeschlossen, waren ein bedeutsamer Vermittlungsraum für politisch-weltanschauliche Botschaften. Vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Reichsgründung begriffen sich diese Vereine als Sprachrohr des aufstrebenden liberalen Bürgertums und der Nationalbewegung. In Opposition zum adligen Herrschaftsstand und zur kirchlichen Hierarchie verbreiteten sie die Vision einer freien Bürgergesellschaft und eines machtvollen nationaldeutschen Einheitsstaates. Das war eine Kampfansage an die überkommenen Ordnungsmächte, an Adel und Kirche. Von elementarer Bedeutung war für das Selbstverständnis der Sängerbewegung, dass sie die überkommenen kirchlich-religiösen Bezüge des Chorgesangs in nationalreligiöse umformte, wie Dietmar Klenke in seinem Werk "Katholisch oder nationalreligiös? Paderborner Männergesangvereine im Wandel der Zeiten." schreibt. Die Gründung der „Liedertafel“ in Paderborn zeigt ebenfalls diese ersten Ansätze einer nationalreligiösen Umorientierung innerhalb des Bürgertums. Der Tenor der Vereinsgründung „Ausbildung des mehrstimmigen Männergesangs nebst geselliger Erheiterung“ spiegelt allerdings diese politische Botschaft nicht wider. Überwiegend Juristen der Paderborner Gerichte, darunter zahlreiche Referendare und Assessoren in der Ausbildung, ranghöhere Militärs, weitere Akademiker sowie Mitglieder des gehobenen Bürgertums bestimmten das soziale Profil dieses gemischtkonfessionellen, aber mehrheitlich katholischen Vereins. Die Gründung war Teil der ersten großen Ausbreitungswelle der Sängerbewegung im westfälischen Raum. Bemerkenswert daran ist, dass sich nunmehr auch in katholischen Bürgerkreisen die nationalreligiöse Ideenwelt zu verbreiten begann. Mitte der 1850er Jahre dominierten nicht mehr Juristen, die Mitglieder rekrutierten sich zunehmend aus den Paderborner Honoratiorenkreisen. Sehr früh wurden auch jüdische Mitglieder aufgenommen. Auch nach der Reichsgründung 1871 pflegte die „Liedertafel“ weiterhin das nationalbewegte Gesangsrepertoire mit Inhalten eines vaterländischen Treue- und Opfergedankens. Von der nationalen Einigung versprachen sich die nationalliberal denkenden Sänger durchschlagende gesellschaftliche Fortschritte. Im Kulturkampf der 1870er Jahre bestand die Liedertafel größtenteils aus Katholiken. 1876, auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes - Konrad Martin war seines Bischofsamtes enthoben -, kam es im Juli 1876 zu einer antipäpstlichen Provokation in der “Liedertafel“. Ein ehemaliges protestantisches und nationalliberal gesinntes Mitglied, Kreisrichter Kolkmann, hatte bei einem Besuch in Paderborn im Kreise seiner ehemaligen Sangesbrüder geäußert, er verteidige überall die „schwarzen“ Paderborner. Unter ihnen seien einige so aufgeklärt, dass man mit ihnen sogar ein „Pereat“ auf den Papst ausrufen könne (er möge zugrunde gehen). Dieser „launigen“ Bemerkung war kein Protest gefolgt. Erst als dieser Vorfall infolge einer Indiskretion in die Öffentlichkeit und in die katholische Presse gelangte, fühlten sich die katholischen Mitglieder, die Kolkmann keineswegs widersprochen hatten, unter Druck gesetzt und distanzierten sich durch Austritt. Gleichzeitig gründeten sie Ende August 1876 den „Sängerbund“, in den zahlreiche Mitglieder der Liedertafel nach und nach überwechselten. 1919 vereinigten sich beide zum heute noch bestehenden Paderborner Männergesangverein.