Eine Welt ohne Buchstaben
Bundesverband Alphabetisierung beim NRW-Tag
Ein Formular ausfüllen, einen Einkaufszettel schreiben, eine Bedienungsanleitung oder Verpackungsbeilage vom Medikament verstehen, sich am Bahnhof zurechtfinden – oder die Zeitung lesen? Für über 870.000 Erwachsene in NRW, davon über 14.000 in Paderborn, bleiben diese Herausforderungen ein Buch mit sieben Siegeln, denn sie können nicht richtig lesen und schreiben. Wo liegen die Ursachen? Und wie kann man Betroffenen wirksam helfen? Antworten auf diese und andere Fragen gibt es Samstag und Sonntag am Alfa-Mobil, einem von 14 Multimedia-Zelten, auf dem Jühenplatz (Aktionsfläche Nr. 6) beim Nordrhein-Westfalen-Tag in Paderborn. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. und das Projekt „F.A.N. -Fußball. Alphabetisierung. Netzwerk.“ informieren und beraten am Samstag und Sonntag jeweils von 10 bis18 Uhr zu den Themen Alphabetisierung, Grundbildung und lebenslanges Lernen. Zudem soll mit Aktionen wie Torwandschießen, Tischkicker, verschlüsselten Buchstaben-Preisrätseln und das Auftreten von Fußballprominenz der „Kick für die Weiterbildung“ gegeben werden. Hintergrund ist, dass 6,3 Prozent der Gesamtbevölkerung in NRW (und in Deutschland) nur über so geringe Lese- und Schreibkenntnisse verfügen, dass sie als funktionale Analphabeten gelten. Manche von ihnen kennen die Buchstaben, können aber nicht lesen. Andere verstehen leichte Texte, haben jedoch massive Probleme beim Schreiben. Die Betroffenen verbergen häufig ihre Schwierigkeiten und leben in stetiger Sorge, ihr Problem könnte erkannt werden. Sie befürchten, bloßgestellt zu werden oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Es fällt ihnen schwer, einen Lese- und Schreibkurs zu beginnen. Viele Betroffene sind nicht darüber informiert, dass es Lese- und Schreib-Kurse bei der VHS in ihrer Nähe gibt. Das soll dringend geändert werden – und das will das Projekt F.A.N. zusammen mit den Volkshochschulen in NRW und dem SC Paderborn in Angriff nehmen. Die Menschen sollen über Info-Aktionen über das unsichtbare Leben von funktionalen Analphabeten und ihre Alltagsprobleme informiert werden. Gleichzeitig werden Unterstützungsangebote für Betroffene in Paderborn, und NRW vorgestellt. „Derzeit nutzen leider nur etwa 0,5 Prozent der Betroffenen die Lese- und Schreibkurse. Wir wollen aufklären und Angebote aufzeigen. Besonders möchten wir Familienangehörige, aber auch Schulkameraden, Freunde und Arbeitskollegen ansprechen und sie bitten, unsere Hinweise an Betroffene weiterzugeben, damit sie sich an uns wenden. Viele kennen vielleicht im eigenen Bekanntenkreis selbst jemanden, der Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, bisher aber nicht weiß, wo es Hilfe gibt. Wir bieten diese Hilfe - für junge wie ältere Menschen. Es ist nie zu spät!“ erklärt Bildungsexpertin und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung, Marion Döbert. Bei den Veranstaltungen kommen natürlich auch Betroffene selbst zu Wort: Sie berichten über ihre Erfahrungen und Strategien aus der Welt ohne Schrift, werben um Verständnis für die schwierige Situation funktionaler Analphabeten und zeigen, dass man auch als Erwachsener noch erfolgreich lesen und schreiben lernen kann. Als Andreas Brinkmann vom Projekt F.A.N. dem SC Paderborn das Thema vorstellte, stieß er sofort auf offene Ohren. Der Fanbeauftragte Christoph Geise wusste zwar, dass viele Jugendliche und Erwachsene Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Dass aber deutschlandweit jährlich 80.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen oder abbrechen überraschte auch ihn. Dies entspricht ca. 10 Prozent eines Schuljahrgangs. Mit seinem Engagement für die Alphabetisierung will er dazu beitragen, die Lebens- und Bildungsperspektiven zu verbessern. Er hofft, dass dadurch besonders diejenigen, die als Kind nicht genügend Förderung hatten nun den Schritt in die Lese- und Schreibkurse für Erwachsene wagen. Am Samstag von 13 bis 13.30 Uhr gibt es den „Lesekick“ auf der Bühne am Jühnenplatz. In einem Gespräch erläutert Christoph Geise warum und wie der SCP buchstäblich im Bereich Bildung auftrumpft und für die Alphabetisierung am Ball bleibt? Mit von der Partie ist dann auch ein Spieler des Zweitligisten, der Texte ehemaliger funktionaler Analphabeten vorliest, Autogramme schreibt und die Besucher des NRW-Tages beim Torwand-Schießen herausfordert. Dabei können attraktive Preise gewonnen werden. Am Samstag von 14.30 bis 15 Uhr diskutieren die Bildungsexperten Marion Döbert (VHS Bielefeld), Dr. Jens Korfkamp (VHS Rheinberg) und die ehemaligen Alphabetisierungs-Lernerin, Jutta Stobbe bei einem Talk auf der Bühne mit dem Moderator Andreas Brinkmann über die mangelnden Lese- und Schreibkenntnisse vieler Schüler. Dort soll ergründet werden, ob junge funktionalen Analphabeten zu wenig motiviert und belastbar sind oder nicht ausreichend gefördert werden und was man diesbezüglich tun kann oder sollte? Am Sonntag um 12 und um 15 Uhr erläutern Ralf Kellershohn (Experte für „Alphabetisierung in Europa“) und Marion Döbert zusammen mit der Ex-Betroffenen Jutta Stobbe beim Bühnen-Talk Ursachen, Auswirkungen und Ausmaß von Analphabetismus in Deutschland , stellen sich Fragen des Publikums und zeigen Bildungs-Perspektiven auf. Informationen über ortsnahe Lese- und Schreibkurse erhält man beim Alfa-Telefon: 02 51 / 53 33 44. Ein Lernportal für Erwachsene ist unter www.ich-will-schreiben-lernen.de zu finden. Mehr auch unter www.alphabetisierung.de.