Kleine Brandbomben im Wohnzimmerschrank

Paderborner Stadtarchiv warnt vor gefährlichem Foto- und Filmmaterial und bietet Hilfe an

© Stadt Paderborn

Nitroglycerin kennt jeder – daraus macht man Dynamit. Aus Nitrozellulose machte man Filme, früher, als man nichts Besseres hatte. Dabei ist diese Nitro-Verbindung ebenfalls hoch explosiv. Lagern in Paderborner Wohnzimmerschränken und auf Dachböden kleine Brandbomben? Dies ist durchaus möglich, vermutet das Stadtarchiv Paderborn; denn was außer in der Fachwelt kaum bekannt ist: Negativfilme aus der Zeit von 1889 bis weit in die 1950er Jahre hinein bestehen in der Regel aus diesem gefährlichen Zellulosenitrat. Zellulosenitrat, oder umgangssprachlich Nitrozellulose, ist bei rund 35° C selbstentzündlich. Diese Temperatur kann in einer Schrankschublade, noch eher auf schlecht isolierten Dachböden schnell erreicht sein. Probleme bereitet jedoch nicht nur die Selbstentzündlichkeit durch Hitze. Denn, für die heimische Lagerung vielleicht noch brisanter, Zellulosenitrat kann auch durch Schlag oder statische Entladung entzündet werden. Aus diesem Grund unterliegt das Material auch dem deutschen Sprengstoffgesetz. Trotzdem ereigneten sich immer wieder Unglücksfälle. An die Brandkatastrophe im Bundesfilmarchiv 1988 auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz mag sich der ein oder andere vielleicht noch erinnern. Mangels echter Alternativen konnte in rund 60 Jahren der leichte, aber brandgefährliche Film als Konkurrenz zu den schweren und umständlich zu handhabenden Glasplatten der Berufsfotografen seinen Siegeszug in der Amateurfotografie antreten – zum Leidwesen der heutigen Archivare. Ihnen macht noch ein weiteres Problem zu schaffen. Zellulosenitrat ist nicht nur selbstentzündlich, sondern auch selbstzersetzend. Die hierbei frei werdenden säurehaltigen Gase schädigen in der Nähe aufbewahrtes Archivgut. Dies zwingt zum Handeln. Das Stadtarchiv Paderborn geht das Problem in drei Schritten an. Zunächst werden die Nitratnegative identifiziert, dann die für die Überlieferung wichtigen auf Sicherheitsfilm dupliziert und anschließend vernichtet. Die Identifizierung gelingt beispielsweise aufgrund der Angabe des Filmtyps auf dem Negativrand. Sicherheitsfilm trägt meist die Bezeichnung „safety“ oder ähnlich. Eine weitere und die sicherste, allerdings aufwändige und teure Möglichkeit ist die Spektralanalyse. Unbedingt ist davon abzuraten, die Negative im Selbstversuch zu entzünden. In den klimatisierten Magazinen des Stadtarchivs Paderborn an der Pontanusstraße ist das separierte Zellulosematerial halbwegs sicher, muss aber dennoch vernichtet werden. Hierfür ist unter Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen für Sprengstoff und Gefahrgüter eine Möglichkeit gefunden worden. Zuvor sollen jedoch die überlieferungswürdigen Bildinformationen gesichert werden. Diese Möglichkeiten bietet das Stadtarchiv auch allen Bürgerinnen und Bürgern an: Sie können und sollten ihre Negativschätze aus der Zeit bis etwa 1960 ins Archiv bringen, testen und identifizieren lassen. Sofern das Bildmaterial für die Überlieferung des Stadtbildes in seinen vielschichtigen Facetten interessant ist, wird es auch auf Kosten des Archivs dupliziert. Auf jeden Fall ist die gefahrlose Vernichtung des brandgefährlichen Stoffes gesichert. Im Internet finden sich weitere Informationen z.B. bei Wikipedia oder unter www.klaus-kramer.de/Nitrofilm/nitratfilm_top.html. Ansprechpartner im Stadtarchiv Paderborn, Pontanusstr. 55 (Technisches Rathaus), ist Andreas Gaidt, Tel: 05251/881943.