Deutschlands aufregendster Jazzmusiker begleitet Asta Nielsens "Hamlet"
Stummfilm mit Live-Musik im Rathaus
1921 gedreht, in diesem Jahr Premiere bei den Berliner Filmfestspielen der aufwendig vom Deutschen Filminstitut restaurierten Fassung mit Live-Musik: Das Komitee Europatag präsentiert den "neuen" Film-Klassiker "Hamlet" mit Asta Nielsen in der Hauptrolle im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Blickpunkt Dänemark" am Donnerstag, 29. November, um 20 Uhr im Historischen Rathaus. Eintrittskarten zum Preis von fünf Euro gibt es in der Städtischen Galerie, Am Abdinghof 11, sie ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, sowie im Ticket-Center am Marienplatz. Zu erleben ist an dem Abend im Rathaus auch der Komponist und Klarinettist Michael Riessler, laut Münchener Abendzeitung "Deutschlands derzeit aufregendster Jazzmusiker". In Zusammenarbeit mit den Italienern Enrico Melozzi und Stefano de Angelis, die gemeinsam das experimentelle Duo „Lisma Project“ bilden, entwickelte der Improvisations- und Klangkünstler eine akustische Untermalung, die den Film auf zwei verschiedenen Ebenen begleitet. Ein vorproduziertes Einspielband, für dessen technische Leitung Federico Savina, der Tonmeister von Regiegrößen wie Fellini oder Leone, gewonnen werden konnte, liefert die orchestrale Basis, auf die während der Vorführung live gespielte historische Instrumente wie Nyckelharpa und Drehleier, aber auch elektronisch erzeugte Klänge Bezug nehmen. In fließenden Übergängen passt sich die Komposition Schnitt und Szenenwechsel an, ändert die Stimmung gemäß der von der Leinwand schimmernden, mal heiteren, mal düsteren Atmosphäre und flicht wie nebenbei Andeutungen von Geräuschen wie dem Sirren der Degen oder dem Knarren einer Tür in die musikalische Untermalung ein. Hamlet – eine Frau? Diese Umdeutung des tragischen Dänenkönigs mochte im Jahre 1921 nicht nur Literaturwissenschaftler und Shakespeare-Verehrer entrüsten, sondern auch dem damaligen, sich gerade erst im Umbruch befindenden Geschlechterverständnis zuwiderlaufen. Eine Frau in Wams und schwarzen Hosen, die sich nicht in die ihr gesellschaftlich zugewiesene Unmündigkeit ergibt, sondern eine moderne, eine „Neue Frau“, die für Ehre und Gerechtigkeit auch mal den Degen ergreift. Sicher, der Rollentausch wurde nicht aus der Forderung nach Gleichberechtigung vorgenommen; noch beruht er auf einem Geheimnis, einer Notlüge. Denn die Frau Hamlet kann sich ihr männliches Verhalten nur erlauben, weil sie bei ihrer Geburt aus Furcht um den Verlust des Thrones von der Mutter als Sohn ausgegeben wurde. Ihre Weiblichkeit muss sie verleugnen. Die Tatsache, dass dieser neu erfundene Hamlet trotz vielfacher Kontroversen dennoch akzeptiert wurde, mag daran liegen, dass keine Geringere als Asta Nielsen ihm ihr Antlitz lieh. Die Dänin mit den großen Augen, der große Star des Stummfilms, vermag es, den klassischen Helden von jeglicher Travestie fernzuhalten und seine tragische Aura um die Facette des inneren Geschlechterkampfes zu bereichern. Wo Komik entsteht – und der Film ist reich an ironischen und komischen Momenten –, ist sie weder auf einer Respektlosigkeit gegenüber dem Stoff noch auf einer burlesken Veralberung der weiblichen Scharade begründet.