Die Trucks des Mittelalters

Paderborner Ausstellung macht im nächsten Jahr Geschichte lebendig

© Stadt Paderborn

Sie waren die Trucks des frühen Mittelalters. Fuhren Keramik, Trinkgläser oder Mahlsteine von Nord nach Süd und von Ost nach West. Doch nachgebaut hat diese mittelalterlichen Wagen in Originalgröße bisher noch keiner. Das wird sich ändern. Denn Andreas Begemann wird für die Ausstellung "Eine Welt in Bewegung", die vom 26. April bis zum 20. Juli nächstes Jahr in Paderborn stattfinden wird, einen solchen Wagen nachbauen. Der Zimmermann aus Extertal hat ein Rad und eine Achse des Gefährts bereits fertig. Die Kunst: Das Rad mit einem Durchmesser von 1,15 Metern und zehn Speichen wird vollständig aus Eichenholz hergestellt. Auf ein Metallband, das das Rad zusammenhält, wird verzichtet, da es dies zur damaligen Zeit so auch nicht gab. "Das Rad kann man nur mit fünf Leuten zusammenstecken, da alles gleichmäßig zusammengefügt werden muss", hat der Zimmermann bereits eine entsprechende Technik entwickelt. Der Wagen, der einmal stattliche 800 Kilogramm wiegen wird, soll im Vorfeld der Ausstellung 20 Kilometer auf dem ehemaligen westfälischen Hellweg fahren. Denn das war so etwas wie die Autobahn des Mittelalters, die von Brügge nach Nowgorod führte. Am Verkehrskreuz mit dem Frankfurter Weg entstand der Ort Balhorn, heute vor den Toren Paderborns gelegen. In Balhorn, das vom 1. bis zum 14. Jahrhundert besiedelt war, fand man Fahrspuren und Funde, die hervorragende Rückschlüsse auf den mittelalterlichen Fernverkehr zulassen. "Mit der Gruppe Experimentum haben wir Mittelalterbegeisterte, die sich um den Wagen und die Präsentation während der Ausstellung kümmern werden", so Dr. Georg Eggenstein. Der Kurator der Ausstellung, der selbst die Ausgrabungen in Balhorn geleitet hat, weiß um die Einzigartigkeit des Ortes und die Vielzahl der geschichtlichen Zeugnisse. Die ganze Dynamik des frühen Mittelalters lasse sich am Beispiel Balhorn eindrucksvoll darstellen, so Eggenstein. Die Ausstellung wird erst im Historischen Museum in Paderborn und anschließend im Mainfränkischen Museum Würzburg zu sehen sein. Die wieder entdeckten Zentralorte Balhorn (Paderborn) und Karlburg bei Würzburg ragen aus der Masse der Siedlungsplätze des 7. bis 12. Jahrhunderts durch ihre räumlichen Dimensionen und ihre Lage an den wichtigsten Fernverkehrswegen des frühen Mittelalters heraus. Dr. Norbert Börste, Leiter des Historischen Museums in Paderborn-Schloß Neuhaus: "Die hohe Qualität der bei archäologischen Untersuchungen entdeckten Objekte von damals internationalem Rang unterstreicht die ehemalige Bedeutung dieser Orte als Zentren von Wirtschaft, Kultur, Verwaltung und Macht." Die in den letzten Jahren erfolgten großflächigen Ausgrabungen nach modernen Standards und das mittlerweile erreichte hohe wissenschaftliche Niveau der Aufarbeitung und Erforschung hätten Anlass gegeben, die Ergebnisse und Funde erstmals in einer großen Gesamtschau zu präsentieren. Auf 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche geben weit über 1000 Fundstücke aus Karlburg und Balhorn sowie zahlreiche Leihgaben aus vielen europäischen Museen in Verbindung mit elektronischen Medien und einer ausgefeilten Austellungsdidaktik und –architektur einen Einblick in das Leben des frühen Mittelalters.