Opfern ein Gesicht geben

Gedenkbuch für die Paderborner Opfer fortgeschrieben

© Stadt Paderborn

Zum 60. Jahrestag des letzten verheerenden Bombenangriffs auf Paderborn am 27. März 1945 wurde das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeit der Lokalhistorikerin Antje Telgenbüscher der Öffentlichkeit vorgestellt: das Gedenkbuch für die rund 900 Paderborner Bombenopfer. Drei Jahre später erhält der Band jetzt einen zweiten Nachtrag mit 32 Seiten. Das Gedenkbuch enthält nicht nur eine lange Liste aller bekannten Bombenopfer, von denen die meisten hier zu Hause waren und in den Trümmern ihrer Häuser oder in öffentlichen Luftschutzkellern ums Leben kamen. Manche waren aus schon verwüsteten Städten nach Paderborn geflüchtet, auch Soldaten auf Heimaturlaub wurden getötet. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Polen und den Niederlanden fanden den Tod, und auch Kriegsgefangene gehören zu den Opfern. Das Gedenkbuch will aber mehr, nämlich jedem Einzelnen von ihnen ein Gesicht geben. So vielen wie möglich ist eine eigene Buchseite gewidmet, die ein Bild zeigt, Lebensdaten nennt und mit einem weiteren Text an die Persönlichkeit der Toten – soweit bekannt – erinnert. Insgesamt wird nun 216 Bombenopfern mit einer eigenen Seite gedacht. Als das Buch 2005 erschienen war, war die öffentliche Resonanz groß. Damals war Antje Telgenbüscher guter Hoffnung, Nachkommen, Freunde oder Bekannte weiterer Opfer ausfindig machen zu können, um das Buch zu vervollständigen. Ihre Hoffnung wurde erfüllt: Im März 2007 konnte sie über weitere 34 Personen berichten. Der nun vorliegende zweite Nachtrag ist dagegen vor allem in diesem Umfang eine große Überraschung, erforderte allerdings auch ein ordentliches Maß an kriminalistischem Spürsinn, Ideenreichtum, wie mögliche Nachkommen zu finden seien, und auch etwas Glück. Hatten zunächst meist Verwandte oder Nachbarn, in den Lokalzeitungen dazu aufgerufen, für Informationen gesorgt und Fotos zur Verfügung gestellt, ist jetzt weit mehr als vorher eigene Recherche gefordert. Adress- und Telefonbücher hat Antje Telgenbüscher ausgeschöpft, alte Einwohnerkarteien durchforstet und beim Friedhofsamt nachgefragt, um Familienangehörige ausfindig zu machen. Hinweise auf Ortswechsel der Hinterbliebenen ist sie nachgegangen, Einwohnerämter anderer Städte wurden angeschrieben. Bei ausgefallenen Namen führte auch das Internet zum Erfolg, wie im Fall der Säuglingsschwester Anneliese Marfording (1925-1945), deren Nichte als Dozentin in Australien im Internet auftauchte und die Verbindung zur Familie in Deutschland herstellte. Gespräche ? ob mit den Alten, die sich noch erinnern, oder den Jungen, die den Bombenkrieg und ihre Großeltern nur vom Hörensagen kennen – waren für sie oft bewegend. So erzählte zum Beispiel der „Jugend- und Kriegsfreund“ von Lilo Fischer (1926-1945) von der Frau, mit der er sein Leben verbringen wollte. Seine persönlichen Worte sind in das Buch aufgenommen worden. Das Glück half etwa in Gestalt von Besuchern des Museums für Stadtgeschichte im Adam-und-Eva-Haus oder des Stadtarchivs, wenn sie das Gedenkbuch dort entdeckten und daraufhin noch Fotos und persönliche Details beitragen konnten. Besonders wertvolle Quellen waren Briefe oder andere zeitnahe Aufzeichnungen. „Leider werden Nachlässe oft einfach weggeworfen, so dass es von etlichen Menschen wohl kein Bild, keine sichtbare Spur mehr gibt. Bisher sind auch die Toten aus dem Ausland nur mit ihren Namen im Gedenkbuch verzeichnet. Doch die Arbeit daran wird fortgesetzt“, betont Antje Telgenbüscher optimistisch. In der diesjährigen Weihnachtsausgabe der Warte, Heimatzeitschrift für die Kreise Paderborn und Höxter, erscheint ein längerer Bericht von Antje Telgenbüscher über ihre Arbeit. Das Gedenkbuch für die Paderborner Bombenopfer liegt im Stadtarchiv, Pontanusstr. 55, und im Museum für Stadtgeschichte im Adam-und-Eva-Haus aus. Hinweise auf weitere Opfer des Bombenkrieges und Fotos nehmen gerne Antje Telgenbüscher selbst, Tel: 05251/409005, oder Andreas Gaidt im Stadtarchiv Paderborn, Tel: 05251/881943, entgegen.