Paderborn aus dem Ballon
Ältestes Luftbild der Stadt wird 100 Jahre alt - Andreas Gaidt vom Stadtarchiv berichtet
Jedes Foto besitzt eine Geschichte. Und die kann mitunter recht spannend sein, wie zum Beispiel die der ältesten bekannten Luftaufnahme Paderborns vom 4. April 1909, die also genau 100 Jahre alt ist. Aufgenommen wurde sie aus einem Ballon aus der luftigen Höhe von 2000m über NN. Der Blick fällt von Nordosten auf die Stadt, links der Mitte ist im Vordergrund die Straßengabelung Benhauser Straße / Dörener Weg zu sehen, rechts der Mitte hat eine Lokomotive den Nordbahnhof verlassen und dampft soeben über die Detmolder Straße Richtung Hauptbahnhof. Die Bahnlinie wird dem Ballonführer Orientierung gegeben haben. Die Aufgabe eines Archivars ist es u.a., die Geschichte historischer Fotos zu rekonstruieren: Was ist zu sehen, und wer hat es mit welcher Absicht wann aufgenommen, dies sind die Fragen, die beantwortet werden müssen, um ein Foto historisch korrekt bewerten und einordnen zu können. Die Geschichte der Ballonaufnahme zu rekonstruieren, schien eine spannende Aufgabe zu sein; denn das Ballonfahren war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein noch größeres Abenteuer als heute, wie sich der einschlägigen Fachliteratur entnehmen lässt. Um 1909 herrschte in Deutschland, und nicht nur hier, ein wahres Ballonfahrtfieber. 1907 gewann der Deutsche Oskar Erbslöh die Gordon-Bennett-Wettfahrten. Das hatte zur Folge, dass dieses internationale Großereignis ein Jahr später in Deutschland stattfand. Hinzu kamen die großen Erfolge im Luftschiffbau, nicht nur die des Grafen Zeppelin. Zahlreiche Luftschiffervereine wurden gegründet, die regen Zulauf fanden. Die Vereine verfügten über eigene Ballone. So stellte der Berliner Verein für Luftschiffahrt etwa am 27. April 1907 den Ballon „Tschudi“ in Dienst, der mit einem Volumen von 1300 cbm und einem Gesamtgewicht von 400 kg eher klein war. In Thüringen vereinten sich die ballonbegeisterten Gruppen 1908 zu einem „Sächsisch-Thüringischen Verein für Luftfahrt“. Anfang März 1909 wurde hinter dem Gaswerk in Jena dessen erster Ballon getauft: Die Herzogin von Sachsen-Altenburg gab ihm den Namen „Thüringen“. Er besaß einen Durchmesser von 15 Metern und fasste 1600cbm Gas. Die Antworten auf die historischen Fragen an das Paderborner Luftbild schienen bekannt und wurden in Paderborn und dem Stadtarchiv stets tradiert: Die Aufnahme hatte Wilhelm Köppelmann aus dem Ballon „Thüringen“ aufgenommen. Hierfür sprachen die vorhandenen Indizien. In Paderborn wurde die Aufnahme zum ersten Mal 1928 in dem von Paul Michels herausgegebenen Bildband „Neuhaus, Paderborn, Bad Lippspringe. Hrsg. im Auftrage des Magistrats Paderborn. 3. Aufl., Berlin-Halensee: Dari-Verl., 1928“, S. 8, Abb. 4, veröffentlicht. Im Fotonachweis vermerkt Michels: „Die Bilder 4, … wurden von den Besitzern zur Verfügung gestellt“. Paul Michels hat seine Fotosammlung, in etlichen Heftern geordnet, dem Stadtarchiv hinterlassen. Hier ist, allerdings nicht in Michels’ Handschrift, notiert: „Original bei Köppelmann“. Später wurde wohl in der mündlichen Überlieferung hieraus „Original von Köppelmann“; denn was lag im Laufe der Jahre bei unbekannter Herkunft und Urheberschaft näher als die Vermutung, dass der renommierte Paderborner Photograph die Aufnahme selbst gemacht hatte? Zumal die Konkurrenz in Paderborn groß war. Wilhelms Bruder Alex hatte bereits 17 Jahre zuvor ein Atelier am Westerntor eröffnet, Wilhelm Böse und Ludwig Blum an der damaligen Wilhelmstraße sowie Aloys Ophoven an der Bahnhofstraße waren ebenfalls erfolgreiche Lichtbildner. Mit Richard Dehmel hatte sich am Heierswall gerade ein weiterer Mitbewerber auf dem heimischen Photomarkt niedergelassen. Eine Stadt mit gerade etwa 27.000 Einwohnern sollte gleich fünf Photographen den Broterwerb sichern. Wilhelm hätte also guten Grund gehabt, ein photographisches Abenteuer einzugehen und sich mit einer zuvor nie gesehenen Ansicht Paderborns stärker zu profilieren. Wie gesagt, die Urheberschaft des Fotos schien bekannt, die Indizien und die Tradition ließen keinen Zweifel. Doch blieben weitere Fragen an die Fotografie: Wo ist Wilhelm in den Ballon eingestiegen? Hatte er vielleicht noch andere Aufnahmen gemacht? Zunächst half ein Blick in die Zeitungen. Und in der Tat meldete das Westfälische Volksblatt am 5. April 1909: „Gestern Vormittag um 11 Uhr flog ein anscheinend unbemannter Ballon in der Richtung OSO nach WNW in erheblicher Höhe über die Stadt.“ Einen Tag später folgte die Meldung, dass der Ballon doch bemannt gewesen sei, und an anderer Stelle, dass am selben Tag gegen 11.30 Uhr über Salzkotten „ein Luftballon, der bei dem herrschenden Ostwinde rasch in westlicher Richtung auf Lippstadt davon schwebte“, zu sehen war. Und weiter: „Er war so niedrig, daß man mit einem Fernglas deutlich die Gondel und die Farben grün, rot, weiß unterscheiden konnte.“ Dass über den Aufstieg nicht berichtet wurde, konnte nur heißen, dass er an anderer Stelle aufgelassen worden war, denn der Start eines Ballons hatte stets fast schon volksfestartigen Charakter. Die Internetrecherche brachte es dann an den Tag. Das Archiv für Geographie des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig verfügt einen besonderen Bilderschatz. Zahlreiche historische Photographien des Archivs sind digitalisiert und im Online-Katalog der Bibliothek unter www3.domestic.de recherchierbar. Und in dieser Datenbank ist auch die Paderborner Luftaufnahme enthalten. Zur großen Überraschung ist der Name des Ballons mit „Tschudi“ angegeben und als Photograph firmiert Ernst Wandersleb. Die weitere Recherche war einfach, Auskunft über die Ballonfahrt über Paderborn gab vor allem Heinz Peter Brogiato vom Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig e.V. Ernst Wandersleb wurde am 12. April 1879 in Gotha geboren. Nach seinem Studium der Physik, Mathematik und Chemie in Jena, München und Berlin wurde er 1901 Assistent von Paul Rudolph in der photographischen Abteilung der Zeiss-Werke. Das von Rudolph entwickelte Tessar-Objektiv, das als „Adlerauge der Kamera“ vermarktet wurde, verbesserte er, zahlreiche Patente folgten. Der passionierte Ballonsportler, Ingenieur und Photograph verband Hobby und Beruf: Im Ballon testete er seine Objektive und verbesserte die technischen Bedingungen der Luftphotographie. Am 2. Mai 1963 starb er in Jena. Wandersleb war ein genauer Photograph und fertigte von jeder seiner Aufnahmen ein Protokollblatt an. Diese Protokollblätter sind glücklicherweise im Archiv für Geographie überliefert, auch das der Paderborner Luftaufnahme vom 4. April 1909. Der Ballon „Tschudi“ startete am 3. April 1909 um 18.18 Uhr in Berlin-Schmargendorf zu einer Nachtfahrt. An Bord waren der Berliner Photomechaniker Dr. Karl Bröckelmann als Ballonführer sowie Ernst Wandersleb. Am 4. April 1909 wurde er gegen elf Uhr über Paderborn und Salzkotten gesichtet, für Paderborn glückliche Winde hatten ihn hierhin getrieben. Auf der Rückseite des Protokollblattes notierte der Fotograf: „Die herzförmige innere Stadt; von dort aus Landstraßen wie Beine von einem Spinnenleib ausgehend. Auf halber Höhe des Bildes liegt eine schöne Bahnüberschneidung.“ Die Fahrt des Tschudi endete mit einer glatten Landung in der Nähe von Pfalzdorf bei Goch am Niederrhein. Für Wandersleb war dies die vierte und letzte Fahrt mit dem Tschudi, im Anschluss erhielt er sein Patent als Ballonführer. Damit war die spannende Geschichte eines historischen Fotos rekonstruiert. Und die Moral von der Geschicht? Trau auch der sicher scheinenden Tradition nicht, ohne sie überprüft zu haben.