Tränen, deren ich mich nie schämen werde
Ergreifender Vortrag von Günter Mieth im Paderborner Rathaus
"Nach flüchtiger Ausweiskontrolle fuhren wir an winkenden Menschenmauern entlang, versuchten verlegen aus dem Auto zurückzuwinken, konnten aber vor Tränen kaum etwas sehen. Tränen, deren ich mich nie schämen werde und die ich nie vergessen möchte." So beschrieb Günter Mieth seine erste Fahrt über die Grenze kurz nach dem Fall der Mauer. Der ehemalige Superintendent des Kirchenbezirks Zwickau schilderte im Paderborner Rathaus aus seiner Sicht die friedliche Revolution in der DDR in bewegender Weise. Bürgermeister Heinz Paus hatte den Kirchenmann bei Besuchen vor dem Mauerfall in der damaligen DDR kennengelernt und ihn bei einigen seiner Predigten erlebt. Paus lud ihn nunmehr zur Paderborner Veranstaltungsreihe "20 Jahre Mauerfall" ein. Der in Leipzig geborene und aufgewachsene Mieth war nach seinem Studium nach ersten Jahren als Pfarrer im Erzgebirge und in Dresden 1970 in die Kirchleitung als Superintendent nach Zwickau berufen worden. Als kritischer Geist stand er ganz oben auf der Liste der Staatssicherheit. Seine Stasi-Akte zählte zuletzt 3600 Seiten. Mieth sah die friedliche Revolution mit einer langen Vorgeschichte. Ob Volksaufstand vom Juni 1953, die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn (1956) oder das gewaltsame Ende des Prager Frühlings am 20. August 1968 - diese Ereignisse seien wichtige Etappen auf dem Weg zum endgültigen Ende des Sozialismus gewesen. Als Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung nannte Mieth den 16. Oktober 1978, als mit Karol Jozef Wojtyla ein Pole zum Papst gewählt wurde. Damit sei eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Solidarnosc-Bewegung erfüllt gewesen. Günter Mieth: "Was in Polen nicht mehr zu unterdrücken war, fand in Gorbatschows Reformkurs zu Glasnost und Perestroika (Öffentlichkeit und Umgestaltung) eine konsequente Fortsetzung. In anschaulicher Weise erinnerte der Redner an die Zeit des Umbruchs. Rathausgespräche und Runder Tisch waren die Elemente der jungen Demokratie, deren Wurzeln in zuvor veranstalteten Friedensgebeten lagen. Am Runden Tisch sei es unter anderem um die Auflösung der Stasi, die Vorbereitung der ersten freien Wahlen am 18. März 1990 und die Kommunalwahlen am 6. Mai gegangen, aber auch das Bildungswesen, die Erarbeitung einer Umweltfibel und ein Maßnahmeplan zur Stilllegung der in der Stadt stehenden Steinkohlenkokerei hätten eine Rolle gespielt. Es habe kein Gesetz gegeben, das diese Foren legitimiert habe. Die Geschäftsordnung habe aus zwei Punkten bestanden: "Wir haben alle einen Namen, Titel gelten nicht. Und: Die Mehrheit entscheidet", so Günter Mieth, den die Kraft dieser Foren noch heute fasziniert. "Wir haben den Leiter der Stasi bestellt, und er ist gekommen. Wir haben den Polizeipräsidenten eingeladen, auch er ist gekommen." Oft, so Mieth, werde ihm die Frage gestellt, weshalb die Menschen in neuen Bundesländern nach den Erfahrungen der Friedensgebete nicht zahlreicher zu Gemeinden und Gottesdiensten zurückgefunden hätten. Wer das erwartet habe, übersehe, was 40 Jahre glaubens- und kirchenfeindliche politische Beeinflussung angerichtet haben.