Exotischer Neuzugang im Paderborner Stadtarchiv
Einzelstück bleibt wohl ein „Mysterium“
Eine ungewöhnliche Zeitung fand in diesen Tagen ihren Weg in das Paderborner Stadtarchiv: Sie besteht aus vier einseitig bedruckten Blättern hauchdünnen Reispapiers, wurde Weihnachten vor 111 Jahren in der chinesischen Hauptstadt Peking gedruckt, ist aber deutschsprachig und trägt den Titel „Weihnachtsausgabe des Pekinger Tageblatts“. Was hat es auf sich damit? Im Jahr 1900, aus dem die Zeitung stammt, kam es in China zu einem fremdenfeindlichen Aufstand, auf den die europäischen Großmächte, die USA und Japan durch die Entsendung von Truppen reagierten. Am 13. August wurde Peking durch ein internationales Expeditionskorps besetzt und anschließend für drei Tage zur Plünderung freigegeben. In die Geschichtsbücher eingegangen sind die damaligen Ereignisse in China als „Boxeraufstand“ bzw. „Boxerkrieg“. Unter den Nationen, die militärisch in China eingriffen, war auch das Deutsche Reich. Es konnte zunächst nur Soldaten des deutschen Marinestützpunktes Tsingtau (heute Qingdao) und des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders einsetzen. Zusätzlich aus Europa entsandte Truppen – bei ihrer Verabschiedung hielt Wilhelm II. seine berüchtigte „Hunnenrede“ – trafen erst einige Wochen nach der Besetzung Pekings ein. Zu ihnen gehörte das in Wilhelmshaven stationierte 2. Seebataillon. In dieser Einheit der kaiserlichen Marineinfanterie diente damals ein junger Mann aus der Nachbarschaft von Paderborn, der 1874 geborene Friedrich Ignaz Troja aus Boke. Troja blieb bis 1902 in Peking stationiert. Er war dort beim Postamt der deutschen Besatzungstruppen eingesetzt. Seit 1906 in Paderborn ansässig, war Troja während des 1. Weltkrieges Soldat in Flandern, danach arbeitete er als Postbeamter in Paderborn, er starb 1946. Als Friedrich Troja 1902 aus Peking zurückkehrte, brachte er natürlich auch einige Erinnerungsstücke mit, die sich bis heute in der Familie erhalten haben und die nun sein Enkel Friedel Troja dem Stadtarchiv übereignete: neben der schon erwähnten Zeitung einige Fotos des 2. Seebataillons und ein allerdings nur noch in Teilen erhaltener bestickter seidener Tabaksbeutel. Wie zwischenzeitlich Recherchen des Stadtarchivs ergaben, ist die wohl von den deutschen Besatzungstruppen herausgegebene Zeitung mit ausführlichen Darstellungen der militärischen Operationen in China zweifellos etwas Besonderes. Der Titel konnte lediglich in vier deutschen Bibliotheken nachgewiesen werden: in der Staatsbibliothek Berlin, in den Universitäts- und Landesbibliotheken Münster und Düsseldorf sowie in der Universitätsbibliothek Heidelberg. Und auffälliger Weise ist jeweils nur die mit der Nr. 599 versehene Weihnachtsausgabe überliefert, die sich nun auch im Stadtarchiv befindet, keine einzige weitere Ausgabe. Vermutlich handelt es sich um eine einmalige Sonderausgabe. Deren Nummer ist möglicherweise ein Jahresendscherz, der sich dem heutigen Leser nicht erschließt. Denn in der Zeit seit Ankunft der Truppen in Peking Ende August/Anfang September hätten bestenfalls gut 100 Ausgaben erscheinen können aber keine 599. Dieser Auffassung ist jedenfalls der um Rat befragte Historiker Dr. Cord Eberspächer vom Konfuzius-Institut an der Universität Düsseldorf, derzeit bester Kenner des deutschen Militärengagements um 1900 in China. Ihm sei die Ausgabe auch schon einmal untergekommen, doch sei sie in der einschlägigen Fachliteratur nirgends nachweisbar. Abwegig erscheint auch die genannte Tagesauflage von 50.000 Exemplaren. In Peking und Umgebung gab es seinerzeit auch nicht annähernd so viele deutschsprachige Personen und damit potentielle Leser des Blattes. Leider konnte auch das vom Stadtarchiv um Hilfe gebetene Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg, das die einschlägigen militärischen deutschen Quellen verwahrt, die offenen Fragen nicht beantworten. Keinerlei Hinweis auf das „Pekinger Tageblatt“ war dort zu ermitteln. Und so bleibt denn diese Pekinger Weihnachtszeitung, die zweifellos zu den exotischsten Einzelstücken des Stadtarchivs zählt, bis auf weiteres wohl ein „Mysterium“ (Eberspächer).