Die Quote ist das Tüpfelchen auf dem i

5. Politisches Frauenfrühstück im Paderborner Rathaus

„Die Schatzsuche: Unternehmen sucht Frau/Frau sucht Unternehmen“, so lautete das Thema des 5. Politischen Frauenfrühstücks, zu dem die Gleichstellungsstelle der Stadt Paderborn auch in diesem Jahr wieder eingeladen hatte. Und programmatisch wollten die Veranstalterinnen den Titel auch verstanden wissen. „Mit sehr viel Spaß“ sei die Titelsuche vor sich gegangen, so Astrid Bartols, Bezirksvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Region Ostwestfalen-Lippe – eine der beiden Kooperationspartnerinnen, die die Gleichstellungsstelle sich für die fachlich versierte Gestaltung der Veranstaltung ins Boot geholt hatte. Mit Spaß, aber durchaus ernst gemeint, denn das weibliche Arbeitskapital als einen „Schatz“ begreifen zu lernen, den es zu heben gelte, das sei die Herzensangelegenheit auch der heutigen Veranstaltung, für die der Bürgermeister nun schon traditionell wieder das Rathaus zur Verfügung gestellt hatte. Neben der Gleichstellungsstelle der Stadt Paderborn und dem Deutschen Gewerkschaftsbund bildete ver.di Bezirk Bielefeld/Paderborn, vertreten durch Martina Schu, die stellvertretende Bezirksgeschäftsführerin, den dritten Bündnispartner in dem Kleeblatt der Veranstaltungstrios. Durch die Veranstaltung führte Lissy Ishag von der WDR Lokalzeit. Viele Fragen galt es zu stellen, zu diskutieren, zu beantworten und auch zum nochmaligen Nachdenken wieder mit nach Hause zu nehmen, an diesem sonnigen Samstagvormittag, an dem, trotz strahlendsten Wetters wieder mehr als einhundert interessierte Gäste ihren Weg zum Politischen Frauenfrühstück gefunden hatten. Ein Thema also, so ließ sich schon allein angesichts der positiven Resonanz feststellen, das vielen auf den Nägeln brennt. Das wurde gleich bei der Einführung deutlich. Nachdem der stellvertretende Bürgermeister Martin Pantke die interessierten Bürgerinnen und Bürger im Rathaus willkommen geheißen und die politische Bedeutung der Thematik unterstrichen hatte, ging er gleich in medias res und verdeutlichte, dass eines der Hemmnisse, die es Frauen erschwerten, angemessen und ihren persönlichen Bedürfnissen entsprechend auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen die gezielt instrumentalisierte Undurchdringlichkeit der Führungseliten sei. Hier, so griff er gleich eine aktuelle Debatte auf, könne die Quote durchaus Schützenhilfe leisten. Auch die Gleichstellungsbeauftragte Dagmar Drüke hielt sich nicht lange mit Begrüßungsformalitäten auf. „Die Lösung des zukünftigen Arbeitskräftemangels liegt zu über 50 Prozent in den Händen der Frauen“, so zitierte Drüke das Ergebnis einer Studie. „Dies könnte“, so Drüke, „Freude auslösen“, klingt dies doch so als könnte das Schreckgespenst Fachkräftemangel dazu beitragen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf endlich zufriedenstellend gelöst“ werde. „Führt der Arbeitskräftemangel nun dazu, dass qualitativ hochwertige und passgenaue Kinderbetreuungsmöglichkeiten geschaffen werden? Werden Unternehmen verstärkt auf die Weiterbildung und Förderung ihrer weiblichen Beschäftigten achten? Verbessert sich nun die Bezahlung der Frauen? Wird mit höheren Einstiegsgehältern geworben? Wird der demografische Wandel tatsächlich zu mehr Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt führen?“ Mit Fragen stiegen die mehr als 100 Frauen in die Diskussion ein. Astrid Bartols vom Deutschen Gewerkschaftsbund sah in dieser gemeinsamen Suche nach Lösungen „jenseits aller ideologischen oder parteipolitischen Überzeugungen“ einen hoffnungsvollen Ausgangspunkt für eine längerfristige Zusammenarbeit aller mit dem Thema Beschäftigten in Paderborn. Es gelte Netzwerke zu knüpfen und ins Gespräch zu kommen, so Bartols, und äußerte die Hoffnung, man werde sich auch im Anschluss an dieses Politische Frauenfrühstück weiterhin treffen, um für die gemeinsame Sache tätig zu werden. Dem schloss sich Martina Schu von ver.di an, die sich und ihren eigenen beruflichen Werdegang als Ergebnis eines gelungenen Mentoringprojektes für weiblichen Führungskräftenachwuchs in ihrer Gewerkschaft anführte, eine Maßnahme, ohne die sie „heute nicht hier wäre“, so Schu. Persönliche Beispiele wie dieses verdeutlichten, dass es oft die Pfade am Rande des geteerten Weges sind, die beschritten werden müssen, um auch Frauen den Eintritt in die Führungsebenen und Männerdomänen zu ermöglichen. Sich diese Zeit des prognostizierten Arbeitskräftemangels zunutze machen, die Chance, die sich den Frauen dadurch böte, zu ergreifen, das war eines der Ergebnisse des diesjährigen Politischen Frauenfrühstücks. Die Kooperationspartnerinnen hatten als Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen zahlreiche Expertinnen und Experten für den Paderborner Arbeitsmarkt eingeladen: Rüdiger Matisz, Geschäftsführer der Paderborner Agentur für Arbeit, Dr. Claudia Auinger von der IHK Ostwestfalen-Lippe, Susanne Bornefeld vom Arbeitslosenbüro der Diakonie Paderborn-Höxter, Elisabeth Voigtländer, Beauftragte für Chancengleichheit vom Jobcenter, Heike Süß von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Paderborn, Barbara Tigges-Mettenmeier vom BTM Personalmanagement sowie Heike Käferle von der TEAM GmbH. Gleich zu Beginn ließ es sich eine der Bürgerinnen nicht nehmen, ihre persönliche Situation als Berufsrückkehrerin Mitte vierzig zu schildern „Da gilt man heutzutage auf dem Arbeitsmarkt als alt!“ und auf charmante und durchaus gewiefte Weise für sich als Mitarbeiterin zu werben: „Ich habe ein paar Lebensläufe mitgebracht!“ Die Lacher auf ihrer Seite spricht es für das Netzwerken als einem erklärten Ziel des Frauenfrühstücks, dass die Dame just einen Arbeitgeber zu ihrer Rechten sitzen hatte, der Interesse an ihrer Unterstützung signalisierte….Netzwerken hautnah erlebt also, auch bei diesem fünften Politischen Frauenfrühstück. Die Diskussion war lebhaft und durchaus kontrovers. Viele wesentliche Punkte wurden aufgegriffen. So auch zum Beispiel die Forderung nach Eigeninitiative der Frauen. Frau Dr. Auinger rief, das Beispiel ihrer persönlichen Erfahrung anführend, dazu auf, Tandems zu bilden: „Suchen Sie sich ein passendes Gegenstück!“ Zwei Frauen mit dem Wunsch nach Teilzeitarbeit „im Doppelpack“ präsentiert hätten durchaus realistischere Chance einen aufgeschlosseneren Arbeitgeber zu finden. Dies bestätigten auch Frau Süss von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft sowie Susanne Bornefeld vom Arbeitslosenbüro der Diakonie. Ein großes Thema auch bei dieser samstäglichen Schatzsuche war die Quote für Frauen in den Führungsetagen der Wirtschaft. Während Astrid Bartols vom DGB die Quote skeptisch sah, da es die meisten Frauen gar nicht erst bis in die Führungsetagen schafften und man deshalb lieber die Basis der werktätigen Frau fördern solle, sprach sich der Großteil der Expertinnen für die Quote als einem Hilfsinstrument aus. Der stellvertretende Bürgermeister Martin Pantke unterstrich noch einmal, dass ökonomischer Druck nicht selten dazu angetan sei, „emanzipatorische Fortschritte zu beschleunigen“: Frauen seien in sehr vielen Bereichen deutlich qualifizierter und besser als Männer: „Die Ökonomie kann es sich nicht leisten, dieses Potential brachliegen zu lassen. Die Quote ist das Tüpfelchen auf dem i, das dieser notwendigen Veränderung die Beschleunigung bringt.“ Auch gesellschaftliche Normen, so Frau Käferle, seien hinsichtlich der Schwierigkeit der Überwindung von Ressentiments nicht zu unterschätzen: Männer, die auf Teilzeit reduzierten, würden oft schräg angeschaut. Frau Tigges-Mettenmeier von BTM Personalmanagement sah das ebenso. „Es ist ein gesellschaftliches Konstrukt, dass bestimmte Aufgaben sich ausgerechnet und ausschließlich in einer Zeit von 40 Stunden erledigen lassen sollen“, so Tigges-Mettenmeier. Warum ausgerechnet 40 Stunden? Die Zahl sei willkürlich. Ein ebensolches Konstrukt und vorgeschobenes Argument sei die Behauptung, Führen in Teilzeit sei nicht möglich. Jürgen Matisz von der Arbeitsagentur und Heike Süß zeigten sich einig: In Teilzeit geht in einer Familie meist derjenige, der weniger verdient. In der Regel seien dies eben immer noch die Frauen. Hier zählten häufig ausschließlich rein ökonomische Gesichtspunkte in den Familien. Wäre es anders, würde auch die Männer sicher nichts davon abhalten, in Teilzeit zu gehen. Jürgen Matisz plädierte dafür, die Begeisterung der Mädchen für die technischen Berufe zu wecken. Frau Voigtländer vom Jobcenter erinnerte an die besondere Situation der Alleinerziehenden und wies auf die Servicestelle für Alleinerziehende hin, die bei Problemen helfen könne. Alleinerziehende fänden häufig die notwendige Infrastruktur für einen Ausgleich der verbesserungswürdigen Betreuungssituation nicht vor: Oma, Opa, die einsprängen, wo die institutionalisierte Betreuung nicht mehr greife, fehlten. Teilzeitarbeit fände hauptsächlich in pflegenden Berufen statt. Die dortigen Arbeitszeiten würden jedoch nicht durch institutionalisierte Kinderbetreuung abgedeckt. Fragen wie diese hielten die Besucherinnen dieses fünften Politischen Frauenfrühstücks auch nach dessen offiziellem Ende noch auf ihren Plätzen. Von der Gleichstellungsbeauftragten Dagmar Drüke ausdrücklich noch zum Verweilen und Weiterreden, zum Kontakteknüpfen und Diskutieren eingeladen, blieben viele noch lange Zeit in anregende Gespräche vertieft – anregend, wie auch das gesamte Frühstück zu bezeichnen ist. Man kann sicher sein, dass da noch „etwas hinterher“ kommt. Ein Netzwerk zu: „Frau und Erwerbstätigkeit“. Zu wünschen wäre es, damit dieses wichtige gesellschaftspolitische Thema so konstruktiv und kreativ weiter diskutiert wird wie an diesem sonnigen und rundum gelungen samstäglichen Frühstücksmorgen.