Als die Husaren an die Ruhr ausrückten
Vor 100 Jahren waren die Neuhäuser Reiter beim Ruhrstreik
In der Bildüberlieferung des Regimentsverbandes ehemalige 15er Reiter, die seit etwa zwei Jahren im Stadtarchiv Paderborn aufbewahrt wird, befindet sich (nicht nur) ein Foto mit Seltenheitswert. Wie Andreas Gaidt vom Stadtarchiv jetzt herausgearbeitet hat, erzählt das Foto eine besondere Geschichte, die sich am 22. März in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Wäre das Foto auf der Rückseite nicht beschriftet, hätte es mangels Erfolgsaussichten kaum zu weiteren Nachforschungen angeregt. Doch wir haben Glück. Zu lesen ist: „Rauxel, Krs. Dortmund, 22.3.1912. Eingang der Zeche Victor I u. II. Offizierkorps des Schutzdetachements, von links nach rechts: Hptm. Consbruch, IR 15; Amtmann v. Wehrden (Rauxel), Oberlt. Frh. Egon v. Fürstenberg, Hus. 8; Vet. Dr. Papenhusen, Hus. 8; dessen Pferd Verona; Husar Huesmann, Bursche desselben; Ltn. d. Landwehr Gohsler, IR 15.“ Wer das Foto aufgenommen, wer es wann beschriftet hat, ist nicht überliefert. Was machten die 8. Husaren aus Neuhaus am 22. März 1912 vor einer Zeche im westfälischen Ruhrgebiet? Sie befanden sich im Einsatz: Es war die Zeit des dritten großen Bergarbeiterstreiks vor dem Ersten Weltkrieg. Mit den Streiks der Bergleute im Ruhrgebiet der Jahre 1889, 1905 und 1912 erlebte das Deutsche Kaiserreich seine größten Arbeitsniederlegungen und -kämpfe. Doch von seinen zwei großen Vorläufern unterschied sich der Streik 1912 in wesentlichen Punkten. Zum ersten Mal wurde ein Streik von den Berufsverbänden initiiert. Die hatten sich erst als Folge des ersten Streiks von 1889 gebildet, zunächst der so genannte „Alte Verband“, der der anfangs noch verbotenen Sozialdemokratie nahe stand, einige Jahre später der „Christliche Gewerkverein“, der der Zentrumspartei verbunden war. Die Öffentlichkeit und nach den ersten Streiktagen auch die Regierung incl. Kaiser Wilhelm II. brachten 1889 und 1905 für die Streikenden zumindest Verständnis auf; dies fehlte aber 1912 gänzlich. Nicht ohne Grund: Denn zum ersten Mal war auch die Front der Streikenden zerstritten. Nur der Alte Verband und zwei kleinere Verbände unterstützten als so genannter „Dreibund“ den Streik, der zweitgrößte Verband, der christliche Gewerkverein, jedoch nicht. Dennoch folgten etliche Bergleute dem Streikaufruf am 10. März 1912: Zu lange hatte es trotz Hochkonjunktur keine Lohnerhöhungen gegeben, auch die Arbeitsbedingungen hatten sich erneut verschlechtert. Von Beginn an war klar, dass die Obrigkeit hart durchgreifen würde. Und das tat sie auch mit dem Argument, die Arbeitswilligen schützen zu müssen. Der Regierungspräsident von Arnsberg, in dessen Zuständigkeitsbereich sich auch die Zeche Victor I und II in Rauxel befand, drohte schon am folgenden Tag der Bevölkerung in einem Anschlag, die Polizeibeamten angewiesen zu haben, „von vorherein mit unbedingter Strenge dem Ernst der Lage Rechnung zu tragen und jedem Angriffe auf Arbeitswillige oder das Eigentum sowie überhaupt jeder Ausschreitung unnachsichtlich – erforderlichenfalls mit der Waffe – entgegenzutreten.“ Um der Drohung Nachdruck zu verleihen, wurden im Streikgebiet 6000 Polizisten zusammengezogen. Doch ließen sich die Bergleute hierdurch kaum beeindrucken. Die Streikbewegung nahm zu, Zwischenfälle häuften sich, es gab die ersten Toten. Der Pott kochte, die Polizei wurde der Lage nicht Herr, und so riefen die Landräte das Militär zu Hilfe. Der Einsatz des Militärs auch nach innen, heutzutage undenkbar, war damals durch Erlasse und Gesetze geregelt. General Moritz von Bissing, Kommandeur des VII. Armeekorps, in dessen Zuständigkeitsbereich die Provinz Westfalen fiel, verschickte im April 1907 ein geheimes Rundschreiben mit „Lehren und Erfahrungen ..., welche im Straßenkampf von Wichtigkeit sein können“. Hierin betonte er, dass schon bei einem Beharren auf passiven Widerstand als unbedingte Folge das Eingreifen mit der Waffe sei. „Tritt dann die Notwendigkeit des Gebrauchs der Schusswaffe ein, so ist es auch einer anscheinend unbewaffneten Menge gegenüber unangebracht, erst den Hochanschlag anzuwenden.“ Es sollte also direkt auf die Leute geschossen werden. Obwohl das Rundschreiben als geheim eingestuft war, gelang es 1910 an die Öffentlichkeit und wurde sogar im sozialdemokratischen Vorwärts publiziert. Sollte also das Militär eingreifen, wussten die Streikenden, was ihnen blühen konnte. Am 13. März angefordert, trafen die ersten Soldaten am folgenden Tag ein. In Paderborn war zu lesen: „Gestern in der Frühe wurde in Paderborn bekannt, daß ein Teil des Husarenregiments Nr. 8 Order erhalten habe, in das Streikgebiet abzurücken und zwar die 1. und 3. Schwadron und ein Teil der 4., die bekanntlich sämtlich im benachbarten Neuhaus in Garnison sind. Gegen 6 Uhr früh rückten sie mittels Sonderzuges nach Dortmund ab.“ Die 3. Schwadron wurde an der Zeche Victor I und II eingesetzt. Viel zu tun hatten die Husaren, die zusammen mit dem Infanterie-Regiment 15 aus Minden in Rauxel Dienst taten, nicht. Ohne öffentlichen Zuspruch, ohne die Unterstützung aller Berufsverbände und damit ohne Akzeptanz der Obrigkeit stand die Streikbewegung von Anfang an auf verlorenem Posten. Als dann auch noch Militär antrat, brach der Streik schnell zusammen. Am 19. März wurde der Streik offiziell beendet, drei Tage später rückten die Husaren wieder ab, nachdem sie sich noch einmal vor der Zeche Victor I/II in Rauxel zu einem Gruppenfoto aufgestellt hatten. Die ausführliche Geschichte des Einsatzes erzählt die Osterausgabe der warte. Heimatzeitschrift für die Kreise Paderborn und Höxter.