Besuch in der Vergangenheit

Amerikaner auf den Spuren ihrer jüdischen Vorfahren

© Stadt Paderborn

Bis heute prägt das ehemalige Kaufhaus Steinberg und Grünebaum, bekannt als „Haus Pötz“, die Architektur der Paderborner Innenstadt. Bis 1941 war es noch im Besitz der Familie Grünebaum, die es unter dem Druck der NS-Maßnahmen endgültig „arisieren“ musste. Auf Einladung von Bürgermeister Heinz Paus kehrten jetzt Jennifer Sherwin mit ihrem Ehemann sowie ihren zwei Kindern und auch Toni Byrd mit ihrem Sohn Gabriel in die Stadt zurück, in der die Familien Grünebaum/Schwerin bis 1937 zu Hause waren. Marianne Grünebaum hatte Monroe Schwerin, Prokurist im elterlichen Warenhaus Steinberg und Grünebaum am Rathausplatz, geheiratet. Ihre zwei Kinder, Jennifers Vater Walter, und Toni Byrds Mutter Susanne, wurden 1931 bzw. 1928 in Paderborn geboren. Der Besuch wurde von Dr. Margit Naarmann, Herausgeberin mehrerer Bücher zum Thema Jüdische Familien in Paderborn, von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft und von Dagmar Kaiser sowie Hans-Georg Ilskens vom Kulturamt organisiert. Die Grünebaums hatten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wie die übrigen jüdischen Paderborner Familien zwar schon die Brüchigkeit ihrer Existenz erfahren - nach dem 30. Januar 1933, der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, änderte sich die wirtschaftlich-soziale Situation jedoch schlagartig. Schon am 1. April 1933 wurde das Kaufhaus durch die Nationalsozialisten planmäßig boykottiert. Plakate am Eingang „Jüdisches Geschäft! Wer hier kauft wird photografiert“, Denunziationen der Käufer und deren Bloßstellung in den sogenannten „Stürmer-Kästen“ in der Stadt verbreiteten Unsicherheit und Angst. Steinberg und Grünebaum konnte bald nur noch von der Substanz leben. Diesem Druck waren die Inhaber mit ihren Familien auf Dauer nicht gewachsen. 1935 traf Ludwig Grünebaum, Inhaber seit 1926, die Entscheidung, sich vom Kaufhaus zu trennen. Jacob Pötz aus Düsseldorf trat als potentieller Käufer auf. Lapidar wurde nach der Übernahme geworben: „Ein altbekanntes Paderborner Haus wechselt seinen Namen“. Und 1937 inserierte das „Modehaus Pötz“ im Westfälischen Volksblatt: „Seit nahezu 70 Jahren tonangebend für modische Neuheiten in Paderborn Stadt und Land“. Die Familie Grünebaum hatte damit früh erkannt, in Deutschland keine Zukunft mehr zu haben. Ludwigs Schwester, Dr. Klara Grünebaum, Prokuristin im Familienunternehmen, und der einzige Bruder Fritz emigrierten bereits 1937 nach New York. Marianne und Monroe Schwerin (anglisiert in Sherwin) zogen mit ihren Kindern zunächst nach Berlin, erlebten dort die Pogromnacht und die Inhaftierung Monroes im Konzentrationslager Sachsenhausen, und emigrierten im September 1939 ebenfalls in die USA. Ebenso wie sein Schwager in Berlin wurde auch Ludwig in der Pogromnacht verhaftet und kam mit den übrigen jüdischen Paderborner Männern in das Konzentrationslager Buchenwald. Da er bereits Ausreisepapiere besaß - noch wollte sich das Deutsche Reich seiner Juden durch Auswanderung entledigen - konnte er im Dezember 1938 in die USA emigrieren. Seine Familie folgte ein halbes Jahr später. Erna Grünebaum, seine Schwester, emigrierte zunächst nach England und 1940 in die USA. Trotz der harten Bedingungen in der neuen Heimat schafften alle den schwierigen Neuanfang. Die Annäherung der Grünebaums an ihre Geburtsstadt Paderborn erfolgte spät und zögerlich. Klara und Erna besuchten nie Paderborn, Ludwig nur einmal. Fritz nahm mit seinen zwei Söhnen an der großen Einladung der Stadt 1989 teil; ebenso Walter Sherwin mit seiner Frau. In der Zwischenzeit gab es viele Besuche insbesondere der jüngeren Generation. 2001 wurde eine Erinnerungstafel durch Bürgermeister Heinz Paus und Walter Sherwin - in Anwesenheit weiterer Nachkommen - am Haus Rathausplatz 7 angebracht.