80 Jahre Hans Joachim Nachtmann

Sonntagsmatinee im Marstallmuseum

© Stadt PaderbornHans Joachim Nachtmann
© Stadt PaderbornNachtmann-Sammlung

Am Sonntag, 7. Juni, lädt der Förderkreis Historisches Museum im Marstall von Paderborn-Schloß Neuhaus anlässlich des 80. Geburtstags von Herrn Hans Joachim Nachtmann zu einer Sonntagsmatinée um 11.30 Uhr in die Sammlung Nachtmann im Marstallmuseum in Schloß Neuhaus ein.
Der Kurator für Landesgeschichte vom LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster Dr. Gerd Dethlefs wird zum Thema: „Die Sammlung Hans Joachim Nachtmann und die Glasmuseen zwischen Alme und Weser“ referieren. Mit dieser Sonntagsmatinée möchte der Förderkreis an die Lebensleistung von Hans Joachim Nachtmann erinnern.

Hans Joachim Nachtmann gehört nicht zu den Kunstliebhabern, die durch Erbschaften oder sonstige glückliche kommerzielle Fügungen in die Lage versetzt wurden, Sammlungen aufzubauen und mäzenatenhaft und generös der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Er ist vielmehr ein passionierter Sammler, der sich von klein auf an als Sammler hochgedient und bereits als Jugendlicher sehr stark für Archäologie und Kunstgeschichte interessiert hat. Im Laufe seines Lebens hat er sich von seiner jugendlichen Begeisterung und Sammelleidenschaft nicht abbringen lassen, Ausschau zu halten nach Antiken, Keramik, Glas und historischen Objekten. Die Neugierde, die Lust zum Suchen und das Talent zum Finden waren ihm wahrscheinlich schon in die Wiege gelegt worden. Kaum, dass der in Düsseldorf 1935 geborene Hans Joachim Nachtmann Rad fahren konnte, erkundete er die alten römischen Stätten im Rheinland und begann historische Funde aus dieser Zeit zu sammeln. Die Sammelleidenschaft begann „so richtig“ 1955 in einem Düsseldorfer Antiquitätengeschäft, wo er spontan eine kleine Sammlung römischer Gläser kaufte. Nur der Vollständigkeit halber erwarb er später einige Münzen aus jener Epoche, die zu den Gläsern in die eigens dafür selbst gebaute Vitrine kamen. Doch es blieb nicht bei diesen wenigen Stücken. Die Sammelleidenschaft ließ ihn nicht mehr los, und er organisierte bereits 1959 als Pfadfinder eine erste Ausstellung in Düsseldorf.
Von Anfang an wollte er aber nicht nur sammeln, sondern möglichst alles über die Artefakte wissen und das Wissen über die Dinge weitergeben. Früh nahm er Kontakt zu Museen auf, und die Fachleute erkannten rasch seine Begabung. Mit dem Restaurator des Düsseldorfer Hetjens-Museums konnte er an Ausgrabungen in der Altstadt teilnehmen, er besuchte Burgen und Schlösser, und schon 1962 stellte er seine Sammelstücke beim „Steckenpferd-Turnier“ des Henkel-Konzerns aus.
Nach einer Malerlehre und Tätigkeit in verschiedenen Betrieben studierte er neben seiner beruflichen Tätigkeit in den Jahren 1961 bis 1965 an der Düsseldorfer Werkkunstschule Raum- und Schriftgestaltung. Was er dort über Kunstgeschichte, Stilkunde und Architektur lernte, machte ihn auf die Antike und besonders auf Ägypten neugierig. Eine Reise mit seinem Motorroller und teilweise per Schiff führte Hans Joachim Nachtmann 1963 durch Jugoslawien, Griechenland, Ägypten, Libyen, Tunesien und Italien. In Libyen konnte er an einer Ausgrabung teilnehmen. Die Hochzeitsreise, ein Jahr später, führte mit seiner Ehefrau Ingrid auf „antike Spuren“. Im Urlaub wurde in südlichen Ländern besichtigt, fotografiert und manches schöne und wertvolle Exemplar erworben. In den übrigen Monaten wurden die Neuerwerbungen ausgewertet und die Dias für Vorträge zusammengestellt.
Sein Beruf führte Hans Joachim Nachtmann 1966 als Malermeister nach Paderborn. Ein Jahr später gründete er den Münzverein Paderborn, dessen Vorsitzender er lange Zeit war. Oft wurde er zu Vorträgen gebeten. Seine umfangreiche Sammlung hat er mehrfach präsentiert.
1976 zählte Hans Joachim Nachtmann an seinem neuen Wohnort in Anreppen zu den Gründungsmitgliedern des Anreppener Heimatvereins, dessen Vorsitzender er viele Jahre war.
Zwischen 1971 und 1983 organisierte Nachtmann eine große Anzahl von Ausstellungen zu seinen speziellen Sammlungsgebieten.
Im Jahr 2000 gehörte Nachtmann zu den Gründungsmitgliedern des Förderkreises Historisches Museum im Marstall von Schloß Neuhaus. Drei bedeutende Ausstellungen im Marstall-Museum mit Objekten aus seinen Sammlungsgebieten wurden von ihm organisiert und durch spannende Führungen ergänzt.
Das interessanteste Projekt, das mit dem Namen Nachtmann verbunden ist, sind die Gräftefunde von Schloß Neuhaus. Von 1980 bis 1993 nutzte er die Gelegenheit der langjährigen Schlosssanierung, um in der Gräfte einen der größten Funde dieser Art in Nordrhein-Westfalen zu bergen. Über 220 Kisten („Obststiegen“) mit Scherben aus Keramik, Steinzeug, Porzellan und Glas sowie Metalle und Knochen kamen dabei zusammen. Er übergab die Funde der Stadt Paderborn, um sie wissenschaftlich zu untersuchen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. 1994 konnten bereits in einer knappen Auswahl wesentliche Objekte aus dem Schlossgrabenfundkomplex in die Dauerausstellung im Marstall aufgenommen werden.
Mit dem 2002 der Stadt Paderborn übergebenen Sammlungsbestand erfolgte die Einrichtung der Sammlung Nachtmann im nördlichen Marstallflügel. Sie umfasst eine Antiken-Glas- und Keramiksammlung. Die ca. 350 antiken Objekte mannigfacher Materialgruppen entstammen einer Zeitspanne von nahezu 2500 Jahren. Die kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen bilden mit den Beständen von Schank- und Trinkgläsern aus fünf Jahrhunderten einen aussagestarken und facettenreichen Fokus zur europäischen, insbesondere deutschen Glasgeschichte. Der Schwerpunkt der mittelalter- bis frühneuzeitlichen Keramikobjekte in der Sammlung liegt auf den Erzeugnissen der großen Töpferzentren Deutschlands.
Die Gräftefunde können als „Ersatz“ für die Visualisierung des verloren gegangenen Inventars der Residenz Neuhaus dienen. Anhand dieser Objekte, in Verbindung mit den Personen der Residenzbewohner und ihre zeithistorische Einordnung, kann die Residenzgeschichte ein wenig „zum Leben erweckt“ werden. Dabei spielen gerade die Trinkgläser und Keramikgefäße eine wichtige kulturgeschichtliche Rolle, denn die Nutzung von Gläsern, Keramik und Fayencegeschirr hatte ja nicht nur eine rein funktionale Bedeutung für Hausratzwecke oder Trinksitten. Der Repräsentationswert war oftmals der entscheidende Faktor für die Anschaffung von Glas und Keramik.
Die Sammlung Nachtmann ist eine nicht nur in Westfalen einzigartige Schau von Antiken, Glas, Keramik und kulturhistorischen Objekten, es handelt sich um eine der bedeutendsten Privatsammlungen der Region. Eine wissenschaftliche Bearbeitung der Gräftefunde wird sicherlich in Zukunft einerseits eine neue Sicht auf die Schlossgeschichte eröffnen, anderseits werden bei der Nachforschung nach einem möglichen Vorgängerbau des Schlosses die Funde neue Erkenntnisse zur Baugeschichte erbringen.

Im Anschluss an den Vortrag besteht die Möglichkeit zum Gedankenaustaus bei Getränken und einem kleinen Imbiss. Statt Geschenken für das Geburtstagskind bittet Frau Nachtmann um eine Spende zur Anschaffung eines Glaspokals für die Sammlung.