Gedenkbuch für die Paderborner Bombenopfer
Zum dritten Mal ergänzt
Die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg forderten in Paderborn rund 900 Opfer. Diesen Menschen, die zur Geschichte der Stadt gehören, ist das Gedenkbuch gewidmet, an dem die freie Autorin Dr. Antje Telgenbüscher seit über zehn Jahren arbeitet, unterstützt von Andreas Gaidt, Archivar im Stadtarchiv Paderborn. Nicht nur eine Liste aller Toten aufzustellen, sondern ihnen ein Gesicht zu geben, ist das Ziel.
Das großformatige Buch ist seit 2005 im Museum für Stadtgeschichte und im Stadtarchiv Paderborn einzusehen und ist nun, zum 70. Jahrestag der Zerstörung Paderborns, zum dritten Mal ergänzt worden. Inzwischen gibt es für 239 Bombenopfer eigene Seiten, auf denen ihre Fotos zu sehen und, wenn möglich, auch einige Sätze zu ihrer individuellen Lebensgeschichte notiert sind. Quellen sind Gespräche mit Verwandten, aber auch Totenzettel, Briefe und private Aufzeichnungen. Dass der Betrachter dieses Buches Menschen begegnet, deren Leben auf grausame Weise abrupt endete, bringt ihm Schrecken und Sinnlosigkeit des Krieges näher, als Daten und Statistiken dies tun könnten.
Auf den neuen Seiten sehen wir zum Beispiel ein typisches Hochzeitsfoto; noch ist die ganze Familie vereint. Ganz vorn steht die kleine Nichte der Braut, Maria Struck (*1933), auch sie festlich in Weiß. Ein paar Jahre später, im Frühjahr 1945, war die Pelizaeus-Schülerin bei den Großeltern in Erkeln schon in Sicherheit gewesen, kehrte jedoch mit ihrer Mutter am 27. März 1945 nach Paderborn zurück, um Kleidung aus ihrer Wohnung in der Driburger Straße zu holen. Vom Angriff überrascht, suchten beide im Bunker Ostermann Schutz, einem Stollen, der als ein besonders sicherer Ort galt, und kamen dort mit vielen anderen ums Leben.
Den ehemaligen Lokführer Hermann Strato (* 1876), der in der Ludwigstraße wohnte, sehen wir an seinem Arbeitsplatz. Auf einem weiteren Foto trägt er seine jüngste Enkeltochter auf dem Arm. Elisabeth Schütte ist eines der über hundert Kinder, die bei den Luftangriffen umkamen. Sie starb am 17. Januar 1945 kurz vor ihrem zweiten Geburtstag, zusammen mit ihrer Mutter, der älteren Schwester und ihrem Großvater.
Schicksale wie das von Elfriede Dittert (*1917) erschüttern. Ein weihnachtliches Foto zeigt sie in ein Buch vertieft. Ihr Arbeitsplatz war das Büro der AOK in der Friedrichstraße. Am 27. März hatte sie eigentlich Urlaub und war nur für eine erkrankte Kollegin eingesprungen. Eine Bombe zerstörte das Haus, im Keller verbrannten die Menschen. Darunter auch diese junge Frau.
Ein Portrait, das von dem Paderborner Künstler Josef Hunstiger stammt, ist eine Besonderheit in dem Gedenkbuch. Es stellt Thea Walter (*1917) dar, die jungverheiratete Tochter des ehemaligen Domküsters Gembris. Sie war auf dem Ikenberg zuhause, fand jedoch in einem Keller in der Winfriedstraße den Tod, wohin sie sich beim Alarm in der Mittagszeit des 17. Januar geflüchtet hatte.
Zum ersten Mal war es auch möglich, einem der zahlreichen ausländischen Opfer eine eigene Seite zu widmen. Die polnische Zwangsarbeiterin Anna Niedzielska (*1920) wurde zusammen mit Familie Preuß, deren Haushilfe sie war, im Luftschutzkeller Denkner in der Bachstraße verschüttet. Nur die jüngere Tochter der Familie, die noch im Kinderwagen lag, überlebte. Vor einigen Jahren hat sie den Briefwechsel ihrer Eltern herausgegeben, worin Anna als fürsorgliche „treue Seele“ und absolut vertrauenswürdig beschrieben wird. Ihr Foto fand sich im Familienalbum.
Antje Telgenbüscher: „Das Gedenkbuch bewegt. In den Älteren weckt es noch Erinnerungen, aber es ist auch für die bestimmt, die mit dem Bombenkrieg keine eigenen Erfahrungen mehr verbinden. Wenn es gelingt, den nachfolgenden Generationen ein Geschichtsbewusstsein zu vermitteln, das Gefühle nicht aussperrt, dann kann dieses Buch dazu beitragen, dass die Bombardierung wehrloser Menschen geächtet wird – an jedem Ort der Welt.“
Auch nach 70 Jahren ist es für die Suche nach weiteren Fotos und Informationen nicht zu spät. Wer etwas beitragen kann, wende sich bitte an Antje Telgenbüscher (Tel. 409005) oder an Andreas Gaidt vom Stadtarchiv (Tel. 881943).
Das Gedenkbuch für die Paderborner Bombenopfer wird auch am Freitag, dem 27. März, während der Gedenkveranstaltung im Historischen Rathaus nach der Kranzniederlegung am Busdorfwall einzusehen sein.