"In Paderborn wird mit Herzen an der Integration gearbeitet"
Informations- und Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Europawoche im Paderborner Rathaus
„Geflüchtet oder zugewandert – und dann? Integration im Wandel“ – unter diesem Motto stand die Informations- und Diskussionsveranstaltung, die im historischen Rathaus der Stadt Paderborn stattfand. Verschiedene Referenten und der stellvertretende Bürgermeister Martin Pantke diskutierten über das Thema Integration und Migration.
„Wann werden Menschen sagen können: ‚Ich habe eine Perspektive in Paderborn‘?“, so begrüßte Martin Pantke die zahlreichen Gäste. Darauf müsse mit Hilfe einer organisierten Humanität hingearbeitet werden. Mit einer professionellen und sympathischen Moderation von Lissy Ishag wurde anschließend der Diskussionsabend fortgeführt.
Zunächst referierte Dr. Olaf Kleist, Politikwissenschaftler am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück, über „Integration in der Flüchtlingskrise: lokale und globale Herausforderungen“. Er bejahte die Frage, dass Deutschland es mit einer Flüchtlingskrise zu tun hat. Es handele sich um eine besondere Situation, in der viele Strukturen nicht mehr funktionieren. Die Krise finde darüber hinaus auf vielen verschiedenen Ebenen statt, beispielsweise bei den Flüchtlingen selbst, aber auch auf Bundes- und Lokalebene. „Die Integration betrifft alle Ebenen und darf nicht erst gespürt werden, wenn sie stört“, so Dr. Olaf Kleist. Des Weiteren sei die Integration wichtig für die Bekämpfung von Fluchtursachen. „Die Möglichkeit des friedlichen Zusammenlebens bietet den Export von politischen Ideen in das jeweilige Heimatland“, sagte der Politikwissenschaftler.
Anschließend bot die Improtheatergruppe der Katholischen Hochschulgemeinde „Improsant“ mehrere Auseinandersetzungen zu dem Thema Integration. 2 Frauen und 4 Männer nahmen Vorschläge aus dem Publikum auf und improvisierten auf kabarettistische Art zu Berührung und Berührungsängste, Sprache und Sprachhürden, Respekt sowie Vorurteile. So beantwortete unter anderem ein dreiköpfiger Bürgermeister Fragen zum Begriff „Respekt“. Unter vielem Gelächter präsentierte die Gruppe einen imposanten Auftritt. Darüber hinaus bot sich Interessierten die Gelegenheit, sich an verschiedenen Ständen über Integrations- und Migrationsdienste zu informieren. Das Fotoprojekt „Mein Leben als Flüchtling in Paderborn“ präsentierte seine Bilder.
Den zweiten Vortrag hielt der Diplom-Psychologe und Migrationsforscher Dr. Mark Terkessidis über „Ist Deutschland ‚fit‘ für Vielfalt?“. Er schloss sich Kleist im Begriff der Krise an, weitete diese jedoch auf eine Regierungskrise auf. Die Situation der Flüchtlinge spitze sich immer mehr zu und die Behörden seien nicht auf dem aktuellen Stand. Die Migration gebe es nicht erst seit heute, sondern schon viel länger, auch wenn Deutschland erst seit 1998 offiziell Einwanderungsland sei. Dadurch habe sich das Land bereits gewandelt und ändere sich nicht erst jetzt. „Viele Einwanderungen sind für uns Normalität. In den Jahren 1945-1999 gab es 54 Millionen Einwanderer, jetzt nur 1 Million“, sagte der Psychologe. Aus Fehlern habe man aber nicht gelernt und Versäumnisse wie beim Intergrationsgesetz würden wiederholt, auch wenn das Engagement der Bürger der Regierung geholfen habe. Darüber hinaus sehe man viel zu oft die Defizite und nicht das Positive und die Praxiserfahrungen. „Der Begriff Integration ist aus den 70er Jahren und riecht schon etwas schimmelig“, so Dr. Mark Terkessidis. Man müsse von der Integration zur Inklusion kommen und ständig Hürden beseitigen, um von Zugänglichkeit sprechen zu können.
Es folgte eine Podiumsdiskussion mit den Referenten, dem stellvertretenden Bürgermeister Martin Pantke und Sohail Ahmed, Vorsitzender des Integrationsrates. Sie diskutierten unter anderem über die Themen Schwierigkeiten im Alltag, den Begriff der Integration und das Integrationsgesetz, Antidiskriminierung sowie über die Unterbringungssituation. So stimmte Martin Pantke dem Redner Dr. Mark Terkessidis zu: „Man muss die Veränderung wahrnehmen.“ Die Probleme dürfen nicht auf die Flüchtlinge projiziert werden, waren sich die Teilnehmer einig. Sohail Ahmed betonte die gute Arbeit der Migrantenselbstorganisationen und der kirchlichen Organisationen: „In Paderborn wird mit Herzen an der Integration gearbeitet.“ Die Unterbringung und die Wohnraumlage wurden kontrovers diskutiert, doch auch hier herrschte Einigkeit, dass langwierige Prozesse in den Behörden zu Problemen führen. Zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum rundeten eine erfolgreiche Diskussion ab.