Jahresauftakt der VHS Paderborn vor vollem Haus

Experte Ralph Müller-Eiselt spricht über digitale Bildungsrevolution

© Stadt PaderbornEröffnung Studienjahr

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft ist nicht mehr aufzuhalten und stellt auch das Bildungssystem vor neue Herausforderungen. Ebenso eröffnet die Digitalisierung enorme Chancen, die es zu nutzen gilt. So lautet das Fazit der Jahresauftaktveranstaltung der Volkshochschule Paderborn am vergangenen Montag. Dass das Thema Digitalisierung viele bewegt, zeigte der voll besetzte Rathaussaal.

Bereits in seinem Grußwort machte Bürgermeister Michael Dreier deutlich, dass die Digitalisierung und Nutzbarmachung ihrer Möglichkeiten auch für die Stadt Paderborn ein Zukunftsthema sei. Die Stadt bereite gerade einen umfangreichen Antrag vor, mit dem sie sich am bundesweiten Wettbewerb der Bitkom „Digitale Stadt“ beteiligen wolle. Die Digitalisierung sei der Schlüssel zu einer intelligenten Stadtentwicklung, die dabei helfe, die komplexen sozialräumlichen Gefüge einer Großstadt gut zu organisieren und eine hohe Lebensqualität dauerhaft abzusichern, sagte Dreier.

Passend zum Jahresthema hatte die VHS mit dem Bildungsexperten der Bertelsmann-Stiftung, Ralph Müller-Eiselt, einen exzellenten Kenner der Materie als Gastredner eingeladen. Gemeinsam mit dem Bertelmann Vorstandsmitglied Dr. Jörg Dräger verfasste Eiselt ein Buch mit dem Titel „Die Digitale Bildungsrevolution: Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können“. Die digital vernetzte Welt führe zu einem gerechteren Bildungssystem, behaupten die Autoren. Demnach sei es nur eine Frage der Zeit, bis die „digitale Bildungsrevolution“ auch hierzulande „keinen Stein auf dem anderen“ lasse. Ihre Beweiskette scheint schlüssig.

Anschaulich zeigte Müller-Eiselt in seinem Vortrag, was sich ändern muss auf dem Gebiet des Lernens. Der „globale Bildungshunger“ – das Streben nach höherer Bildung besonders in den Schwellenländern – sprenge längst die Kapazitäten. Allein 200 Millionen Chinesen sollen bis 2020 ein Hochschulstudium absolvieren, 500 Millionen Inder bis 2022 ausgebildet werden. Aber auch in Deutschland seien die Hörsäle überfüllt, seitdem die Zahl der Studierenden Jahr für Jahr steige. Qualität bleibe dabei auf der Strecke. Es sei denn, man setze auf digitale Lösungen.

Das Prinzip sei einfach. Schüler und Studenten erwerben ihr Wissen am Computer, mittels spezieller Lernsoftware. Die intelligenten Programme erlaubten es, dass Tempo und Abfolge der Stoffvermittlung jeder Nutzer selbst bestimmen könne. Nur wer nicht weiterkomme, erhalte Hilfe vom Lehrpersonal. Beispiele gebe es bereits. Etwa die „School of one“ in Brooklyn, wo der Matheunterricht seit drei Jahren individuell zugeschnitten werde und die Lehrer auf dem Monitor das Fortkommen ihrer Schützlinge verfolgten. Oder die schon legendäre Khan University, deren Internet-Erklärvideos in den USA bereits Teil des Unterrichts seien.

Die Innovation besteht für Ralph Müller-Eiselt darin, dass digitale Lehrmittel die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Masse und Klasse ermöglichen können. Erstmals gebe es einen individuellen Bildungszugang für alle, nicht nur für die Eliten. Denn Software, die sich unbegrenzt vervielfältigen lasse, sei kostengünstiger als ein milliardenschweres Bildungssystem, wie es sich etwa Deutschland leiste. Welche Chancen Digitalisierung von Bildung eröffnet, demonstrierte der Redner an einem Zitat von Daphne Koller, einer Professorin der Stanford University, deren Forschungsgebiet die künstliche Intelligenz ist: „Wir wissen nicht, woher der nächste Einstein kommt, vielleicht lebt sie in einem kleinen Dorf in Afrika.“

Auch die Volkshochschule Paderborn möchte die Chancen der Digitalisierung nutzen, um ihren Teilnehmern und Dozenten ergänzende digitale Lernangebote zu unterbreiten und Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten zu eröffnen. Dazu sei zum einen die Entwicklung von Instrumenten zur Umsetzung neuer digitaler Lehr- und Lernsettings erforderlich, aber auch die Bereitstellung der dazu nötigen Technik, wie etwa WLAN-Zugänge für alle am Lernprozess Beteiligten in allen Kursgebäuden, sagte Petra Hensel-Stolz, Leiterin der VHS Paderborn. Dabei handele es sich um einen langzeitlich angelegten Prozess der Organisationsentwicklung, mit dem man in diesem Jahr starten wolle, so Hensel-Stolz weiter.

In ihrem Eingangsstatement verwies Hensel-Stolz zudem auf zwei weitere besondere Frühjahrs-Aktionen der VHS. Teilnehmer, die die VHS-Paderborn-App auf ihr Smartphone laden, erhielten 10 Prozent Rabatt auf den ersten gebuchten Kurs. Zudem werde die im vergangenen Jahr erfolgreich gestartete Kampagne „Spenden Sie einen Deutschkurs“ weitergeführt. In diesem Kontext wies Hensel-Stolz darauf hin, dass Flüchtlinge, die bei der VHS an Deutsch- und Integrationskursen teilnähmen, nach Erfahrung des vergangenen Jahres äußerst lernwillig seien und eine schnelle Integration anstrebten. Die Abbrecherquote in diesen Kursen sei äußerst gering. Sie appellierte an das Auditorium, auch weiterhin Deutschkurse zu spenden und für die Kampagne zu werben.