Kritisch sein ohne Pauschalurteile
Eindrucksvolle Lesung mit Sineb El Masrar zum Internationalen Frauentag im Rathaus
„Die Quelle des Fortschritts und das Fundament im Islam sind eindeutig weiblich“, sagt Sineb El Masrar, in Deutschland geborene Tochter marokkanischer Einwanderer. Nur weil seit Generationen männliche Dominanz herrsche und das Patriarchat sich als hartnäckiges Konzept behaupte, bedeute das nicht, dass es so auch gut sei. Muslimische Frauen müssten endlich den Mut haben, ihre Rechte einzufordern, ohne Kompromisse.
Auf Einladung der Gleichstellungsstelle der Stadt Paderborn und der Paderborner Buchhandlung Linnemann, las die Gründerin des multikulturellen Frauenmagazins „Gazelle“ am Internationalen Frauentag 2017 vor gut besuchtem Hause im Historischen Rathaus aus ihrem neuen Buch. In „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“ zeigt Sineb El Masrar, was und vor allem wer muslimische Frauen heute in Deutschland und weltweit daran hindert, ein emanzipiertes und selbstbestimmtes Leben zu führen, ob es ihre Sexualität, Liebe, Partnerschaft betrifft oder Familie und Erziehung.
„Ohne die Frau gäbe es keinen Islam“, so El Masrar, und doch präge ihre Unterdrückung durch patriarchale Strukturen dessen Geschichte bis in unsere Gegenwart. Kopftuch-Debatte, Dramen um Zwangsehe und sogenannte Ehrenmorde seien Ausdruck von Ungerechtigkeit, die im Privaten beginne und sich ihren Weg in den öffentlichen Raum bahne. Besonders für die junge Generation müsse mehr individuelle Entfaltung möglich sein sowie eine Auseinandersetzung mit den theologischen Quellen. Dass dem auch in Deutschland muslimische Organisationen und Verbände entgegenwirken, ist einer der Hauptkritikpunkte der Autorin. Sie müssten endlich Verantwortung übernehmen, um Islamisten nicht die Deutungshoheit zu überlassen.
Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme, so unterstrich El Masrar am Mittwochabend vor einem überaus interessierten und diskussionsfreudigen Publikum ihre ein wenig überraschende These, fänden viele Frauen im Islam nicht nur eine spirituelle Heimat, sondern sogar eine gute Ausgangsbasis für ihre Emanzipation. Die männliche Tendenz im Islam, das Leben der Frauen bis in die letzte Einzelheit reglementieren und dominieren zu wollen, zeuge vor allem von der Unfähigkeit vieler Männer, sich selbst zu reflektieren und weiter zu entwickeln. Verallgemeinerungen und Stereotypen möchte El Masrar jedoch eindeutig entgegenwirken: Es gelte aufzuklären und dabei kritisch zu sein, aber fair zu bleiben. In den Medien dominierten vor allem Aufmacher wie Zwangsheirat und Kopftuchdebatte. Mit Pauschalurteilen sei einer kritischen und zielorientierten Debatte jedoch nicht gedient. Die schweigende Mehrheit der friedlichen Muslime, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden hätten und in einem guten Miteinander mit den Menschen anderer Nationen und Religionen zusammen lebten, fände eben nicht so eine mediale Öffentlichkeit wie die Bedrohung durch Terrorgefahr. Die Mehrheit der Gesellschaft aber sei wirklich aufrichtig an einer Auseinandersetzung interessiert.
Sineb El Masrars engagiertem und klugen Vortrag ist anzumerken, dass sie aus eigener Erfahrung spricht, dass auch sie, als Tochter marokkanischer Einwanderer, die schon in Deutschland geboren wurde, sich mit zwei überaus verschiedenen Kulturen auseinandersetzen, emanzipieren musste. El Masrar hat es geschafft. Voller Intelligenz und Authentizität ist sie nun in der Lage, ihrerseits jungen Frauen in derselben Situation ein Vorbild und eine Beraterin zu sein. „Was soll ich denn tun?“, so die berührende Frage einer jungen muslimischen Frau im Publikum, „was soll meine Schwester tun: sie möchte Abitur machen, sie möchte studieren, und muss sich jeden Tag von allen Seiten gegen Vorwürfe wehren.“ Die starke traditionelle Einbindung in die familiären Strukturen einerseits und in die muslimische Community andererseits mache es den jungen muslimischen Frauen nicht leicht, so wird an diesem Abend einmal mehr deutlich. „Mut ist gefragt“, so lautet El Masrars Rat an die junge Frau, es gelte, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und die Courage aufzubringen, diese auch gegenüber den Eltern zu artikulieren. Die Spannung, die sich ergebe, müsse frau aushalten lernen. „Wichtig sind zudem weibliche Identitätsfiguren“, glaubt Sineb El Masrar. „Es mag erstaunen, aber Frauen in den muslimischen Ländern selbst, sind manchmal viel mutiger als die Frauen hier.“ Aber es sei ein langer Weg. Und doch: Viele Frauen ihrer Generation setzten sich bereits durch. Wie sie selbst, würden sie dabei vor allem von Freunden und auch den bedingungslos liebenden Eltern unterstützt. Dies sei sehr wichtig, betont die Autorin und alle im Publikum wissen: Sie selbst hat diese positiven Erfahrungen gemacht.
Dass die Emanzipation und das Streben nach Gleichberechtigung kein Islam-spezifisches Problem ist, daran erinnert die Autorin noch einmal besonders: „Wir haben als Frauen überall dieselben Kämpfe zu kämpfen – egal, ob im Islam, Judentum oder Christentum. Die Verbohrten sind immer sehr laut. Aber es gibt auch die vielen Anderen…. Wir sind vielfältig und das sollten wir hoch halten und uns immerzu vergegenwärtigen.“ Ein kluger Rat von einer klugen Frau und ein rundum gelungener und dabei hochinformativer Abend, wie die Gleichstellungsstelle der Stadt Paderborn in ihrer Mitteilung bemerkte.