Paderborner Allianz für Ausbildung vorgeschlagen
Bürgermeister führt Akteure zum Thema Ausbildung zusammen - Peter Weiß als Experte dabei
Große Expertenrunde beim Paderborner Bürgermeister Michael Dreier mit der Expertise der Politik aus Berlin und Düsseldorf zum Thema der beruflichen Ausbildung. Bereits zum 12. Mal lud Dreier in diesen außergewöhnlichen Corona-Zeiten zu einer Telefonkonferenz ein. „Es ist mir wichtig, dass wir mit vielen Zielgruppen der Stadt gerade in Pandemie-Zeiten im Gespräch bleiben und so der Dialog nicht abreißt“, sieht der Bürgermeister die Bedeutung dieser Runden. Die Besetzung der jüngsten Telefonkonferenz zum Thema Wirtschaft und Gewerkschaften kann getrost als außergewöhnlich bezeichnet werden. Neben den Paderborner Akteuren vom Arbeitgeberverband, dem Handelsverband OWL, der DEHOGA, der Werbegemeinschaft, der Kreishandwerkerschaft, der IHK-Zweigstelle, der Agentur für Arbeit, des Jobcenters, des DGB, der IG Metall, von Verdi, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft waren Bundestagsabgeordneter Dr. Carsten Linnemann, Landtagsabgeordneter Daniel Sieveke sowie erstmals auch Peter Weiß, arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion mit dabei.
Peter Weiß stellte eingangs fest, dass viele Betriebe trotz der derzeit angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt an den Aufschwung glauben. Mit der jüngst auf Bundesebene ins Leben gerufenen Allianz für Ausbildung soll die schwierige Lage auf dem Ausbildungsmarkt verbessert werden, denn gerade hier zeige sich die Zurückhaltung vieler Betriebe in der Krise. Er berichtete über einen Vorschlag, Ausbildungsverhältnisse zum Teil auch über einen Kurzarbeitsausgleich zu finanzieren.
Um noch mehr junge Leute für die Ausbildung zu gewinnen, forderte Landtagsabgeordneter Daniel Sieveke das Augenmerk darauf zu legen, wie in der jetzigen Situation Kontaktmöglichkeiten geschaffen oder verstärkt werden, beispielsweise auch in digitaler Form, da durch die nicht stattgefundenen Messen und geschlossenen Schulen, dies nicht möglich war.
Rüdiger Matisz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Paderborn, berichtete über einen Rückgang der Ausbildungsstellen von 20 Prozent durch die jetzige Situation. Die Bewerberzahlen seien im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent rückläufig, andererseits gebe es derzeit etwa 800 offene Ausbildungsstellen und damit für fast jeden Berufswunsch noch den passenden Ausbildungsplatz.
Die Firmen seien derzeit sehr unsicher, was die Ausbildung angehe, stellte Prof. Dr. Johannes Beverungen, Vorsitzender des Handesverbandes OWL. Angesichts der aktuellen Probleme müssten die Anstrengungen für die Ausbildung einem Marathon gleichen, ansonsten führten sie nicht zum Erfolg.
Derzeit werde bei den Betrieben der Fokus auf die Existenzsicherung gerichtet, dennoch würden die Unternehmen der Region ihre Verantwortung für die Ausbildung junger Menschen ernst nehmen, beobachtete Melanie Cramer, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Paderborn.
Seitens der DEHOGA Ostwestfalen stellten die Hauptgeschäftsführerin Regine Tönsing und Geschäftsführerin Miriam Kröger fest, dass die Gaststätten und Hotels gerade auch in der Krise auf die Auszubildenden setzen und auch bereit seien, neue aufzunehmen. Doch mitunter fehlten die Mittel dafür.
Fehlende Perspektiven für die Auszubildenden im Einzelhandel nach ihrem Abschluss beklagte Uwe Seibel, Vorsitzender der Paderborner Werbegemeinschaft.
Einen Trend zum Studium und weniger zur Ausbildung machte Horst-Hermann Müller, Geschäftsführer des Jobcenters des Kreises Paderborn aus. Er sieht die Anforderungen der Ausbildung, insbesondere aus Sicht seiner täglichen Erfahrungen aus dem Jobcenter, teilweise als zu hoch, viele schafften das nicht.
Gegen die Kurzarbeit in der Ausbildung sprachen sich klar die Gewerkschaftsvertreter Anke Unger (DGB), Konrad Jablonski (IG Metall) und Martina Schu (Verdi) aus. Ausbildung profitiere insgesamt von Verbundausbildung und überbetrieblicher Ausbildung, weil sie dann auch in Firmen stattfinden könne, die allein keine Ausbildung anbieten könnten. Wichtig sei jedoch, dass diese Ausbildungsformen betriebsnah bleiben müssten.
Angesichts des zwölfprozentigen Rückgangs der Auszubildenden in der Region forderte Jürgen Behlke, IHK-Geschäftsführer und Leiter der Zweigstelle Paderborn + Höxter, die Berufsorientierung noch mehr in den Fokus zu stellen. Die Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen und der Berufskollegs müssten noch besser erreicht werden. Das gelte insbesondere für die neue IHK-App "Ausbildungschance Digital", die von jedem an einer Ausbildung interessierten Schüler und Schülerinnen heruntergeladen werden sollte. Auf dieser App fänden die Interessierten eine Vielzahl von Ausbildungsplätzen noch in diesem Jahr.
Für das Handwerk konstatierte der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Peter Gödde, ein Minus von acht Prozent bei Neuverträgen für die Azubis. Um in Zeiten der Corona-Pandemie an die jungen Leute heranzukommen, habe die Kreishanderwerkerschaft vom 15. bis 18. Juni ein Online-Speeddating geplant. Gödde schlug vor, auf regionaler Basis eine Allianz für Ausbildung ins Leben zu rufen, um die Kräfte vor Ort zu bündeln und so die Ausbildung in Paderborn nach vorn zu bringen. Diesem Vorschlag schlossen sich gleich mehrere Teilnehmer der Telefonkonferenz spontan an. Es wurde vereinbart, einen gemeinsamen Strategie-Workshop dazu zu machen, um die inhaltlichen Weichen dafür zu stellen.
Abschließend brachte Bundestagsabgeordneter Dr. Carsten Linnemann in seinem Fazit das Thema auf den Punkt: „Das Virus wird uns noch über Jahre beschäftigen, die Auszubildenen dürfen darunter aber nicht leiden!“