„Es braucht Mut bei jedem einzelnen von uns"
Mehr als 300 Bürgerinnen und Bürger gedenken der ermordeten Paderborner Juden
Bei der Gedenkfeier für die geflohenen und ermordeten Paderborner Jüdinnen und Juden am 9. November setzten mehr als 300 Bürgerinnen und Bürger ein Zeichen gegen das Vergessen. Anlässlich des Jahrestages der Novemberpogrome von 1938, bei denen auch die Paderborner Synagoge zerstört wurde, entzündeten sie Kerzen am Mahnmal an der Alten Synagoge. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hatte zusammen mit der Stadt Paderborn zu der Gedenkfeier eingeladen.
Bürgermeister Michael Dreier bedankte sich bei allen Bürgerinnen und Bürgern, die sich am Dienstagabend auf dem Platz „An der Alten Synagoge“ versammelte hatten. „Wer sich mit der Geschichte des Platzes beschäftigt, dem wird schnell klar, wie zentral dieser Ort in der Vergangenheit war und wie wesentlich er für die grauenhaften Ereignisse steht, derer wir heute gedenken“, so Dreier.
In ganz Deutschland wurden am 9. November 1938 Jüdinnen und Juden getötet, misshandelt, verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Synagogen wurden in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und Häuser geplündert oder zerstört. Anders als in anderen Städten begannen die Ausschreitungen in Paderborn erst am 10. November, da die Feuerwehr zunächst Vorkehrungen zum Schutz der Nachbarhäuser traf, ehe die Synagoge in Brand gesetzt wurde.
„Institutionen, deren ureigene Aufgabe es war, für Recht und Bürgerrechte einzustehen, beteiligten sich an diesem unbeschreiblichen und menschenverachtenden Unrecht“, sagte Dreier. „Die meisten der hier Anwesenden haben diese Zeit nicht erlebt. Doch dürfen die barbarischen Verbrechen des letzten Jahrhunderts niemals in Vergessenheit geraten“, mahnte der Bürgermeister. Antisemitismus sei heute nach wie vor ein Thema von beängstigender Bedeutung. Es brauche daher Mut und die Zivilcourage jedes einzelnen – in jeder scheinbar noch so unbedeutenden ungerechten Situation. „Unsere Verantwortung ist es, denen entgegenzutreten, die Diskriminierung in welcher Art auch immer propagieren“, betonte Michael Dreier.
Auf die Ereignisse vor 83 Jahren und konkrete Familienschicksale aus Paderborn blickte zu Beginn der Gedenkfeier auch Monika Schrader-Bewermeier zurück. „Wir haben allen Grund zu erinnern, gerade weil es lange her ist“, sagte die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. „Viele denken, dass es genug sei, dass sie nichts damit zu tun hätten. Wer so denkt, vergisst, dass unser freiheitliches Leben mit vielen Rückschlägen mühsam errungen wurde“, so Schrader-Bewermeier. Dieses sei immer in Gefahr, leichtfertig verspielt zu werden.
Die Gedenkrede hielt in diesem Jahr Domkapitular Monsignore Dr. Michael Menke-Peitzmeyer, der die Bürgerinnen und Bürger zum bewussten Gedenken aufrief. „Der zeitliche Graben zwischen damals und heute hat sich vergrößert“, so Menke-Peitzmeyer. Es lebten heute kaum noch Zeitzeugen, die von den Gräueltaten von damals berichten könnten, was das Gedenken umso wichtiger mache.
Was Menschen damals an Verachtung und Grausamkeit möglich war, mache sprachlos, so der Domkapitular. „Was für die Vergangenheit gilt – das Geschehene sprachlos und schweigend auszuhalten – ist im Blick auf Gegenwart und Zukunft allerdings genau das falsche Rezept“, betonte Menke-Peitzmeyer. Es sei eindringlich davor zu warnen, heute sprachlos zu bleiben und zu schweigen, wenn es Anzeichen dafür gäbe, dass Menschen in unserer Gesellschaft diffamiert, schikaniert oder mit Gewalt attackiert würden. „Auf der Erinnerung heraus ergibt sich die Verpflichtung zum Handeln“, forderte Menke-Peitzmeyer dazu auf, die Würde jedes einzelnen zu achten.
Nach der Kranzniederlegung am Mahnmal trug Alexander Kogan, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Paderborn, das Gebet „El male Rachamim“ vor. Zuvor hatten Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums St. Michael die Namen der ermordeten Jüdinnen und Juden vorgelesen. Musikalisch wurde die Gedenkfeier von René Madrid begleitet.
Auf dem Platz „An der Alten Synagoge“ wurde im Anschluss an die Gedenkfeier bis Mittwoch eine digitale Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge auf einer großen LED-Wand gezeigt. Die Rekonstruktion, die auch in der Dauerausstellung des Paderborner Stadtmuseums zu sehen ist, wurde von der TU Darmstadt in Kooperation mit dem Stadt- und Kreisarchiv Paderborn und dem Stadtmuseum entwickelt. Paderborn zählte zu 13 Standorten in Deutschland, an denen zerstörte oder schwer beschädigte Synagogen während der Nacht vom 9. zum 10. November digital rekonstruiert gezeigt wurden. Die Aktion war Teil einer Kampagne des Jüdischen Weltkongresses, die unter dem Motto #WeRemember weltweit gegen das Vergessen aufruft.