Die Krise als ein „Kompliment des Lebens“
Internationaler Frauentag mit Anastasia Umrik
Raus aus der Krise: „Empowerment“ lautet die Devise zum Internationalen Frauentag 2022. Zum Auftakt des diesjährigen Programms hat die Gleichstellungsstelle der Stadt Paderborn am vergangenen Donnerstag zu einer Online-Veranstaltung mit der „Expertin für Neuanfänge“ in Krisenzeiten, Anastasia Umrik, eingeladen.
Die stellvertretende Bürgermeisterin Sabine Kramm begrüßte die Anwesenden und rief auch vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise zu mehr Solidarität unter Frauen auf. Es sei wichtig, dass Frauen sich engagierten und den Mund aufmachten. Auf die Frage nach ihrer persönlichen Krisenbewältigungsstrategie angesprochen, empfahl sie unter Menschen zu gehen und nicht alleine mit der Krise zu bleiben.
„Im vergangenen Jahr haben wir uns im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum Internationalen Frauentag mit der schwierigen Situation der Frauen in der Corona-Krise befasst“, so die Gleichstellungsbeauftragte Dagmar Drüke. Homeschooling sei an der Tagesordnung gewesen, viele Frauen seien zudem in der Pflege und in anderen systemrelevanten Berufen tätig und dadurch besonders durch die negativen Auswirkungen der Pandemie belastet. Zudem habe die Pandemie die Unwucht in der Verteilung der Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen Männern und Frauen verstärkt. Nach aktuellen Studien habe jede fünfte Frau wegen der Pandemie ihre Arbeitszeit reduziert, während die meisten Männer unverändert weiterarbeiteten, berichtete Dagmar Drüke.
Mit der diesjährigen Veranstaltung am Internationalen Frauentag solle, so Drüke, auf vielfachen Wunsch der Blick nun nach vorn gerichtet werden: Raus aus der Krise hin zu einem Neuanfang.
Die Gleichstellungsbeauftragte machte auch darauf aufmerksam, dass die aus der Ukraine flüchtenden Frauen und Mädchen einem erhöhten Risiko von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt seien. UN Women habe deswegen zu einer besonderen Spendenaktion aufgerufen.
Die persönliche Krise als „Kompliment des Lebens“: Diese positive, keineswegs zynisch zu verstehende Sichtweise vermittelte Anastasia Umrik am Internationalen Frauentag auf Einladung der Gleichstellungsstelle einem großen digitalen Publikum, das daheim an den Bildschirmen saß – der am weitesten entfernte Monitor sogar in Kapstadt, von wo aus sich eine interessierte Frau zugeschaltet hatte. Das digitale Format macht es möglich. Aufgrund der Corona-Krise hatte sich die Gleichstellungsstelle noch einmal für diese sichere Variante der Zusammenkunft entschieden, was der sich im Laufe des Abends entwickelnden großen Nähe und Verbundenheit keinen Abbruch tat. Und das lag an der außergewöhnlichen Referentin, die die Gleichstellungsbeauftragte für diesen besonderen Tag hatte gewinnen können.
Anastasia Umrik, geboren 1987, weiß wovon sie spricht, wenn sie die „Krise“ zu ihrem Thema macht: Mit sieben Jahren kam sie mit ihren Eltern aus Kasachstan nach Deutschland, wo sie eine lebensverändernde Diagnose erhielt: Muskelatrophie. Sie wurde auf eine damals noch so genannte „Sonderschule“ geschickt, kämpfte sich bis an die Universität, gründete das inklusive Designlabel »inkluWAS« und das Fotoprojekt „anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“. Trotz aller widrigen Umstände, trotz aller Entmutigungen, trotz aller Stimmen, besonders aus der eigenen Familie, die ihr immer wieder gesagt hatten: „Hör auf rumzuspinnen. Du musst Dich fügen. Du hast die Behinderung“, trotz dessen, dass niemand an sie geglaubt hat, wusste Anastasia Umrik: „Eines Tages werde ich auf einer großen Bühne stehen.“ Und das tat sie an diesem Abend, wenn auch im übertragenen Sinne. Die Form des digitalen Beifalls, die „Daumen hoch“, waren ihr sicher.
„Das Gefühl gegen alle ankämpfen zu müssen“ und es tatsächlich geschafft zu haben: Endlich bekam sie Anerkennung für diese Leistung. Und doch: „Abends ging ich immer noch unglücklich ins Bett“, so Umrik. Denn, so die Autorin, es war nur eine Anerkennung „von außen“. „Dann hat das Leben ein bisschen nachgeholfen“, wie es Umrik schmunzelnd ausdrückt, denn eine Nahtoderfahrung als Hilfsmittel zu begreifen, dazu gehört einiges. Und Umrik bringt es mit: Mut, Kraft, Empathie. Damit ist sie die richtige Frau am richtigen Ort am Internationalen Frauentag. Die Nahtoderfahrung bringt sie an ihre Grenzen. Sie hinterfragt ihr bis dato gelebtes Leben und räumt mit den „Altlasten“ auf. Ihre Erfahrungen in Sachen Krisen und Neubeginn gibt sie als Coach, Rednerin (u. a. TEDx) und Autorin weiter. 2021 veröffentlichte sie ihr Buch „Du bist in einer Krise. Herzlichen Glückwunsch. Jetzt wird alles gut!“
„Hinterfragt sie ihr bisheriges Leben“: Was sich so einfach liest, bedeutet harte Arbeit und wirft sie gnadenlos auf sich selbst zurück. Die Fragen und Antworten teilt sie mit ihrem Publikum, das gebannt zuhört und trotz Abstand zum Geschehen viel von dem Abend mitnimmt, wie die späteren Kommentare und Fragen im Chatroom belegen.
Die „Krise als Kompliment des Lebens“ begreifen. Was heißt das? „Das Leben meint, dass Du es schaffst“, lautet die glasklare Überzeugung Umriks. Und macht gleichzeitig deutlich: Die Garantie, dass nach der Krise „alles gut wird, gibt es nicht.“ Die Krise im Sinne der Autorin ist eine Übergangszeit in eine neue Lebensphase. Aber: Die Krise wird nur zur Chance, wenn wir sie auch als solche begreifen: „Ich bin ein erwachsener Mensch und ich werde es wuppen.“ Es gehe darum, das Ohnmachtsgefühl abzustreifen, diese „uralte Emotion“, die uns in der Krise wieder klein mache, zu Kindern. Es geht um die Selbstermächtigung eines erwachsenen Menschen, was sich für Anastasia Umrik in der Frage manifestiert: „Wer möchte ich am Ende meines Lebens gewesen sein?“
Es gibt wohl niemanden im Publikum, dem angesichts dieser Frage sein eigenes Leben nicht durch den Kopf geht. Und das versteht Anastasia Umrik: Die Zuhörenden mitzunehmen. Dies wird nicht erst in der Übung deutlich, die sie in die Mitte der Veranstaltung einbaut: 3 Minuten Stille und Insichhineinhorchen, fast einhundert Menschen, die vor dem Bildschirm in die Introspektive gehen, fast einhundert Menschen, die schweigen und sich auf sich selbst besinnen: Die berühmte fallende Stecknadel wäre bis nach Kapstadt zu hören gewesen.
Dabei gibt Umrik nicht vor, „die Lösung“ zu haben. Sie weiß genau, diese gibt es nicht, angesichts existentieller Krisen wie Trennung, Krankheit und Tod oder dem derzeit wütenden Krieg. Auch bedeute das Durchstehen einer Krise nicht, dass dann „alles gut“ sei: „Es gibt nicht den Weg XY.“ Jeder Mensch müsse sich auf seinen eigenen Pfad begeben. Ein Mittel dazu: Die Stille. „Alle Antworten gibt es bereits in uns selbst“, ist Anastasia Umrik sicher. Es sei alles „schon da“. Die Bestätigung im Äußeren zu suchen, führe ins Leere. In der Stille die Antworten in uns selbst zu finden, darum gehe es: „Wer bist Du, wenn Du ganz allein mit Dir selbst bist?“
Angesichts einer Krise in blindwütigen Aktionismus zu verfallen, helfe nicht. Gleichwohl sei es menschlich. Es sei sehr schwer, dann erst einmal innezuhalten und „nichts zu machen, nur zu fühlen“. Der Mensch wolle los, etwas tun, dagegen angehen. Die Antwort aber liege in ihm, im Inneren, nicht im Außen. Ironischerweise habe ihr gerade ihre Behinderung bei dieser Einsicht geholfen: „Das Schicksal, nicht gehen zu können, hat mir total in die Karten gespielt“, beschreibt Umrik dieses Paradox: Es habe sie gezwungen, in sich selbst hineinzuhorchen und in sich die Antwort zu finden. Auf Fragen wie „Habe ich das gewollt oder habe ich es gemacht, weil jemand es von mir erwartet hat?“ oder: „Habe ich schon gelebt oder habe ich nur getan als ob?“
Ein beeindrucktes Publikum profitiert von den Lebenserfahrungen Anastasia Umriks, die dazu rät, die Kirche im Dorf zu lassen: „Ich muss heute nicht das ganze Leben schon gewuppt haben. Es geht erstmal nur um diesen Tag. Erstmal zu einhundert Prozent hier.“
Mut machen, Zuversicht verbreiten angesichts der langanhaltenden Corona-Krise und dem Ukrainekrieg, ohne die Augen vor deren Herausforderungen zu verschließen, diese zu Beginn von der Gleichstellungsbeauftragten Dagmar Drüke bekundete Intention des diesjährigen Internationalen Frauentags ist voll aufgegangen: Dank der passenden Wahl der Rednerin. Anastasia Umrik war eine Bereicherung für annähernd einhundert Teilnehmende dieser vielfach zu Herzen gehenden Veranstaltung, die im „umrikschen“ Sinne „Inklusion“ verwirklichte, wie sie sie versteht: „Wir verbinden uns über eine Lebenserfahrung, über unsere Werte, nicht über Optisches.“
Das gesamte Programm rund um den Internationalen Frauentag in Paderborn ist auf der Homepage der Gleichstellungsstelle Paderborn unter Veranstaltungen und Aktionen zu finden.