„Wasserregime – Hydraulische Gesellschaften in Europas Stadtlandschaften 1350- …
„Wasserregime – Hydraulische Gesellschaften in Europas Stadtlandschaften 1350-1950"
Auch die Pader war Thema der Tagung im Heinz Nixdorf MuseumsForum
Vom 23 bis 24. März 2023 fand in Paderborn die Tagung „Wasserregime – Hydraulische Gesellschaften in Europas Stadtlandschaften 1350-1950“ statt. Rund 40 Teilnehmern*innen besuchten die Fachkonferenz im Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF), das als Kooperationspartner der Universität die Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Die Konferenz wurde federführend vom Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Historischen Instituts der Universität Paderborn ausgerichtet.
Die Organisation eines urbanen Wassermanagements entwickelte sich in Europas Städten über Jahrhunderte aus dem Wechselspiel zwischen Kultur- und Naturkräften, dem „Wasserregime“. So bedingten beispielsweise Überschwemmungen den Ausbau von Deichen oder Schutzmauern. Aus umwelthistorischer und humanökologischer Perspektive betrachtet schrieb das Umweltmedium Wasser Geschichte, indem es in jeder Stadt „Hydraulische Gesellschaften“ unterschiedlichen Zuschnitts schuf, deren Strukturen und Veränderungen das Naturelement ausformte. In welchem Umfang „Wasserregime“ die „Hydraulischen Gesellschaften“ gestalteten, wurde auf der Tagung interdisziplinär und multiperspektivisch diskutiert.
Nach der Begrüßungen durch den Geschäftsführer des HNFs Dr. Jochen Viehoff sprach der stellvertretende Bürgermeisters Martin Pantke ein Grußwort der Stadt, in dem er auf den laufenden Bewerbungsprozess Paderborns um das Europäische Kulturerbesiegel (EKS) verwies. Im Anschluss richteten die Veranstalter Prof. Dr. Peter Fäßler und Prof. Dr. Michael Ströhmer (beide Universität Paderborn) Grußworte an die Referenten und Zuhörer, denen Ströhmer eine kurze fachliche Einführung folgen ließ. So stellte er unter anderem den populären Begriff „Wassermanagement“ zur Diskussion, da dieser zu einseitig die Beherrschbarkeit des Wassers suggeriere.
Die 1. Sektion „Wasserregime in der Stadt“ eröffneten Prof. Dr. Matthias Hardt und Niels Lohse B.A. (GWZO/Universität Leipzig) mit einem Beitrag zur Organisation des gut 800jährigen Wassermanagements der Stadt Leipzig in Langzeitperspektive (1000-1800). Die interdisziplinären Ausführungen beider Referenten gaben dabei Einblicke in ein junges DFG-Projekt, das sich der Erforschung der urban-fluvialen Symbiose unter dem Titel “On the Way to the Fluvial Anthroposphere" widmet. Danach referierte Marius Mutz M.A. (Universtiät Augsburg) über das Wassermanagement in der frühneuzeitlichen Residenzstadt Dresden im 16. Jahrhundert. Er stellte u.a. heraus, dass frühneuzeitliche Festungsbauten auch eine Verteidigung gegen meteorologische Extremereignisse wie Hochwasser darstellten. Diese Sektion abschließend thematisierte Dr. Thomas Grunewald (Halle a. d. Saale) das Wasserversorgungssystem der Schulstadt der Franckeschen Stiftungen in der Frühen Neuzeit. Grunewald beleuchtete unter anderem die zentrale Rolle des Hallenser Wasserrohrmeisters Gottfried Rost bei der Etablierung eines von der Stadtwasserkunst autonomen Stollen- und Röhrensystems. Ebenso thematisierte Grunewald in einem mentalitätsgeschichtlichen Perspektivwechsel die religiöse Deutung von Wassererschließungen in der Frühen Neuzeit.
Die 2. Sektion „Wasserregime in Stadt und Land“ moderierte Friederike Horgan M.A. (Universität Paderborn). Diese Sektion begann mit einem Vortrag von Dr. des. Christopher Folkens (Universität Münster) zur Stadtgemeinde Emden und ihrem Meereszugang zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert. So konnte er bei seinem Blick in den Nordwesten des Alten Reiches zeigen, dass Siele und andere Wasserbauten als politische Instrumente in Herrschaftskonflikten genutzt wurden. Diese Sektion abschließend referierte Dr. des. Iris Nießen (Universität Leipzig) über die mittelalterliche Vorstadtentwicklung in der Aue. Der Fokus lag auf archäologischen Ausgrabungen zu den oberdeutschen Reichs- und Donaustädten Regensburg und Ulm.
Die 3. Sektion „Wasserregime in Stadtlandschaften“ wurde von Prof. Dr. Peter Fäßler moderiert. Am Anfang dieser Sektion thematisierte Dr. Evelien Timpener (Universität Gießen) urbane Wasser- und Flussregulierungen in kleineren mitteldeutschen Städten vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Hierbei setzte sich die Referentin auch kritisch mit der „Wittfogel-These“ und der Relevanz „Hydraulischer Gesellschaften“ im vormodernen Mitteleuropa auseinander. Im Anschluss referierte Christina Lüke B.Ed. (Universität Paderborn) in einem internationalen Städtevergleich über die Hydroelektrizität in Paderborn und Katalonien zwischen 1880 und 1900. Es wurde u.a. untersucht, welche Personen oder Institutionen die Elektrifizierung jeweils anstießen und welche Rolle hydroelektrische Stromerzeugung in diesem Prozess spielte. Danach gaben Jun.-Prof. Dr. Eva-Maria Roelevink (Universität Mainz) und Dr. Lutz Budraß (Universität Bochum) Einblicke in die Konstituierung des Abwasserregimes im Ruhrgebiet zum Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. In beiden Referaten wurde u.a. die umwelthistorische Rolle der Emscher Genossenschaft beleuchtet, deren Genese sich zwischen zentralstaatlicher Einflussnahme durch das Königreich Preußen einerseits und dem Streben nach kommunaler Autonomie andererseits entwickelte. Die Sektion abschließend präsentierte Benedikt Heitmar B.A. (Universität Paderborn) die Urbane Wasserlandschaft der Pader als Digitales Kulturerbe 3.0. So demonstrierte er unter anderem ein Video mit der 3D-Rekonstruktionen des historischen Paderquellgebiets um 1920 sowie ein 360-Grad Panorama zum „Börnesteig“, der mittels VR-Brille virtuell erkundet werden kann.
Die Tagung klang mit einem gut einstündigen Spaziergang in der Altstadt zu den Quellen der Pader unter Leitung von Prof. Dr. Michael Ströhmer und Prof. Dr. Peter Fäßler aus.
Aufgrund des positiven Zuspruchs ist geplant, die Beiträge der Tagung in einem Sammelband zu veröffentlichen. Auch denken die beiden Veranstalter über eine Fortsetzung der erfolgreichen Tagung in ca. zwei Jahren nach.