Kunst, die sich geheimnisvoll bewegt

Neue Ausstellung in der Städtischen Galerie in der Reithalle

© Stadt Paderborngeheimnisvoll bewegt
© Stadt Paderborngeheimnisvoll bewegt Reithalle

Selbstspielende Triangeln, scheinbar fliegende Fische, qualmende Uhrengehäuse: Die neue Ausstellung "geheimnisvoll bewegt. Bildmechanik und Kinetik" in der Städtischen Galerie in der Reithalle zeigt vom 5. März bis 9. Juli 2023 Collagen, Zeichnungen, Gemälde und Installationen, in denen die Bewegung ein integraler ästhetischer Bestandteil der Kunstobjekte ist.
Die Künstlerin Tina Tonagel verbindet in dem spezifisch für den Raum entwickelten Arrangement aus neuen und bestehenden Arbeiten Klang, Licht und elektromechanische Apparaturen und bezieht dabei die „historischen“ Bildwerke von Robert Michel und Friedrich Meckseper ein. Alle Werke geben Rätsel auf, sind geheimnisvoll bewegt. Maschinenästhetik, archaisch wirkende Mechanik und verblüffende Ideen vereinen sich zu einem poetischen Gesamterlebnis.

Die Collagen und Zeichnungen von Robert Michel (1897-1983) aus den Jahren 1917 bis 1925, entwerfen in der Technikeuphorie des Futurismus chaotisch-technische Konstruktionen, die von kreisenden Dynamiken, Simultaneitäten und allgemein abstrakt-formreduzierten Darstellungen geprägt sind. Sein Interesse an Technik, das Fliegen und die Begeisterung über alle neuartigen Erfindungen erfasst er in einer exakt kalkulierten Formensprache, die den Eindruck von Bewegung vermittelt. Zusätzlich, und ebenso symptomatisch für die Werke von Robert Michel, werden einige Zahlen und organisch-tierische Elemente, zum Beispiel Vögel oder Fische, eingefügt. Michel schafft durch die Gegenüberstellung eine Verbindung von Organik und Mechanik, von Natur und Technik. Diese Zusammenführung lässt ihn in die gedankliche Nähe zu dadaistischen Strömungen der Zeit treten. Seit Mitte der 1920er Jahre beschäftigt sich der Künstler vermehrt mit der Funktion der Sicherheitsschlösser der Marke Yale, deren besondere technische Konfiguration - dem Ineinandergreifen von verschiedenen Zahnrädern - er in seinen Zeichnungen und Collagen aufgreift.

Die Bilder und Radierungen von Friedrich Meckseper (1936-2019) zeigen exakt gezeichnete Gegenstände, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben: Zahnräder, Sprungfedern, Häuser, Zypressen oder auch Uhren, die eine geheimnisvolle Präsenz entfalten. Die minimalistische Anordnung der Gegenstände in seinen Stillleben wirkt unaufgeregt und surreal. Die Bewegung ist jedoch in seinen Werken assoziiert. Sein „Perpetuum Mobile“ ist ein utopischer Entwurf: Seit Jahrhunderten versuchen Erfinder*innen, eine Maschine zu bauen, die sich immerfort selbst, also ohne fremden Antrieb, bewegt. Nach den Gesetzen der Physik kann ein Perpetuum Mobile nicht funktionieren: Denn eine Maschine vermag Energie (etwa Treibstoff) immer nur in eine andere Form (etwa Bewegung) zu überführen, niemals aber selbst zu erzeugen. Friedrich Meckseper entwirft in seinem Bild illusionistisch den Kreislauf einer Dauerbewegung. Die technische Faszination offenbart sich nicht nur in seinen künstlerischen Arbeiten, sondern darüber hinaus auch in der Konstruktion eines Dampfbootes 1972 und der wiederholten Überquerung der Alpen mit einem Gasballon.

Die kinetischen Objekte und Wandzeichnungen der Künstlerin und Experimentalmusikerin Tina Tonagel (*1973, aktuell Gastprofessorin für Sound an der Kunsthochschule für Medien Köln) werden zu einem realen Spiel von Starrheit und Bewegung, Naturgesetzen und menschlichem Kalkül. Sie kombiniert Klang und Bewegungselemente mittels Elektronik zu einer harmonischen und poetischen Einheit, die Überraschung, Ironie und Rhythmus enthält. Sie schafft metaphorische Sinnbilder für Vergeblichkeit und setzt direkt auf der Wand Zeichenströme in Gang. Durch die ausgetüftelte Programmierung von Mikroprozessoren werden Impulse ausgelöst, die Bewegungen steuern. Fächer klappen auf, Muffinförmchen wandern über die Wand, selbstspielende Triangeln konzertieren. Selbstgebaute Klangerzeuger, die die Ästhetik der Technik und der elektromechanischen Konstruktionen mit dem musikalischen Experiment verbinden, spielen Kompositionen der Künstlerin: Metallspiralen werden mit selbstkonstruierten Klöppeln aus Lettern einer Buchdruckerei angeschlagen, Piezo-Mikrofone nehmen den Ton ab, Verstärker erweitern den Klang im Raum.
Die Schönheit der Dinge, zum Beispiel bei Messinstrumenten oder Türklingeln, führt sie zu Arbeiten, in denen die Künstlerin nicht mehr genutzte Objekte in einen neuen Kontext einbaut und ihnen Aufmerksamkeit und Wertigkeit zurückgibt.
Tina Tonagel lebt und arbeitet in Köln. Website: www.tinatonagel.de

Vernissage

Die Eröffnung der Ausstellung findet am Sonntag, 5. März, um 11.30 Uhr in der Städtischen Galerie in der Reithalle in Paderborn-Schloss Neuhaus statt. Die Künstlerin Tina Tonagel spricht mit Dr. Andrea Brockmann, Leiterin der Abteilung Museen und Galerien der Stadt Paderborn, über die „Enträtselung“ der analogen Elektromechanik. Sie steht als Gegenentwurf zur digitalen „versteckten“ Technik. Tina Tonagel ist eine Tüftlern. Sie verbindet, lötet, verkabelt und programmiert ihre Arbeiten selbst. Sobald sie eine Idee für eine bewegte Arbeit hat, experimentiert und testet sie, auf welchem Wege diese am besten umzusetzen ist. Das Gespräch vermittelt Einblicke in diesen spannenden Arbeitsprozess.

Die Ausstellung endet am 9. Juli und ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Karfreitag sind die städtischen Museen und Galerien geschlossen.
Ab dem 1. April gilt für alle städtischen Museen und Galerien das neue Prinzip beim Eintritt „Bezahle, was du willst“ (pay what you want).

Begleitveranstaltungen zur Ausstellung „geheimnisvoll bewegt“

Workshops mit Tina Tonagel
Samstag, 1. April, 14-17 Uhr, Workshop für Kinder (8-12 Jahre)
Sonntag, 2. April, 14-17 Uhr, Workshop für Erwachsene
Fokus-Atelier, Marstall Schloss Neuhaus, 1. OG
Tina Tonagel vermittelt Grundlagen der Elektronik, baut mit den Teilnehmer*innen kleine Klangobjekte mit Piezo-Mikrofonen, Fantasiemaschinen oder Erfindungen mit Licht, Motor und Sound
Anmeldung in der Galerie: 05251 88 11076 oder anmeldungmuseenpaderbornde
Kosten: 5 €

Konzert
FRAUFRANKE50KILOHERTZ
Tina Tonagel, Elisabeth Coudoux
Samstag, 10. Juni, 20 Uhr
Das Projekt von Tina Tonagel und Elisabeth Coudoux vereint digitale und analoge Technologien zu einem in sich abgeschlossenen Bühnen-Szenario.
Das Konzert bietet eine audiovisuelle Performance mit antikem Violoncello, traditioneller Pferdekopfgeige, historischem Tageslichtprojektor, kinetischen Objekten, selbstgebauten Instrumenten, elektromechanischen Installationen und einer Portion Humor.
Kosten: 10 €

Führungen
Sonntag, 26. März, 30. April, 28. Mai, 25. Juni, 16 Uhr
Kosten: 5 €