Mit der Excel-Tabelle patriarchale Strukturen durchbrechen

Lisa Jaspers gibt zum Internationalen Frauentag praktische Tipps aus dem Spiegel-Bestseller „Unlearn Patriarchy“

© Stadt Paderborn/GleichstellungsstelleLesung

Auch Feministinnen sind so stark vom traditionellen Wertesystem geprägt, dass sie sich erst mit großer Anstrengung und in einem langen Prozess mühsam von vorherrschenden patriarchalen Denkmustern befreien müssen. Das lernten die rund 100 Gäste der Lesung von Lisa Jaspers aus dem von ihr mit herausgegebenen Spiegel-Bestseller „Unlearn Patriarchy“ am Internationalen Frauentag 2023. Organisiert wurde die Veranstaltung im Historischen Rathaus von der Gleichstellungsstelle der Stadt Paderborn in Kooperation mit der Bonifatius-Buchhandlung.

Das Patriarchat regelrecht verlernen – wie kann das gelingen? Zum Beispiel mithilfe einer Excel-Tabelle! Eine unkonventionelle Idee, die die Autorin Lisa Jaspers mit ihrem eigenen Ehemann lebt und die ihnen dabei hilft, die Kinderbetreuung gleichmäßig aufzuteilen. „Wir waren selbst überrascht, wie sehr sich das Gleichgewicht letztlich verschoben hatte, wieviel Zeit ich tatsächlich mit den Kindern verbrachte und wieviel weniger mein Mann“, so Jaspers, die die Lesung durch viele persönliche Beispiele anschaulich machte. Deshalb hätten sie kur-zerhand eine gemeinsame Excel-Tabelle eingerichtet, in der das nächste Jahr des Familien-lebens minutiös geplant wird, sodass sich zeitliche Einseitigkeiten gar nicht erst einschleichen können. Was Erheiterung beim Publikum hervorrief, ist ein unkonventioneller Weg, einem strukturellen Ungleichgewicht, mit dem sich viele Frauen abgefunden haben, kühn entgegen-zutreten.

Als Firmengründerin mit einem Selbstbild als aufgeklärte Frau habe sie in der Führungspositi-on alles anders, besser, machen wollen… bis auch sie sich eines Tages als gestresste Chefin wiedergefunden habe, die ein patriarchales Klima in der eigenen Firma geschaffen hatte. Wie kann es sein, dass wir immer noch in dieselben patriarchalen Fallen tappen, dieselben Muster leben, wie die Generationen vor uns, denen wir doch um so vieles voraus sein wollten? Oder, der zentralen Frage des Abends auf der Spur: „Wie sollen wir das Patriarchat zerstören, wenn wir es selbst in uns tragen?“

Es sei keine Lösung, so Jaspers, einfach über die verinnerlichten Werte etwas Neues dar-überzulegen. Es gelte, das Patriarchat systematisch zu verlernen. Dafür seien drei Schritte
notwendig: sich über die eigenen Denkmuster klar zu werden, diese zu verlernen, und sich klarzumachen: Wie möchte ich leben? Dies sei ein langwieriger Prozess, der vielfältige Le-bensbereiche betreffe. In dem von Jaspers vorgestellten Buch „Unlearn Patriarchy“ greift das Autor*innenkollektiv eine ganze Reihe davon auf, wie „Unlearn Liebe“ oder „Unlearn Kapita-lismus“.

In dem Kapitel zur Liebe wird die Frage gestellt, warum so viele Menschen an Beziehungen festhalten, die ihnen nicht guttun. Im Leben eines Menschen gebe es nicht nur die romanti-sche Liebe. Die Idee, Freundschaften als wichtige soziale Ressource gleich viel Zeit zu wid-men wie den Partnerbeziehungen, sei geradezu revolutionär und würde starke strukturelle Veränderungen im menschlichen Leben nach sich zu ziehen.

Bei dem Verlernen des Kapitalismus, einem weiteren Beispiel, gehe es darum, zu erkennen, wie stark sich unser Selbstwert mit der Produktivität verknüpfe. „Das Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum, sondern Gerechtigkeit“, so habe es der US-Bürgerrechtsanwalt Bryan Ste-venson formuliert. Die anfängliche unbefangene Selbstliebe der Kinder würde mit zunehmen-dem Alter dem kapitalistischen Denken weichen, „dass wir nur hart genug arbeiten müssen, dann werden wir schon glücklich“. Das Ziel sei es, solch toxische Wertesysteme zu verlernen.

Der Abend endete mit Zeichen der Zuversicht, die sich vor allem auf die junge Generation richten, denn diese sei, so Jaspers, mit einem viel gesünderen Selbstbild ausgestattet. Gleichwohl gebe es noch sehr viel zu tun, um die Hierarchie etwa der Beziehungen aufzubre-chen, oder die Arbeit zu einem Ort zu machen, an dem die Arbeitenden so sein können, wie sie sind. Frauen gebe sie den Rat, frühzeitig über die Aufteilung der Kinderbetreuung zu disku-tieren. „Habt Ihr darüber nachgedacht, Eure Excel-Tabelle zu verkaufen?“ Diese scherzhafte Frage einer Zuhörerin amüsierte das Publikum und zeigte, dass Veränderungswillen und Zu-kunftsorientierung von viel Kreativität gekennzeichnet sein können, so wie dies auch die Auto-rin und ihre Mitstreiterinnen in dem Buch „Unlearn Patriarchy“ unter Beweis stellen. Auch zu diesem Internationalen Frauentag haben die Gleichstellungsstelle und die Bonifatius-Buchhandlung mit ihrer Lesung wieder eindeutig den Nerv der Zeit getroffen.