Stadt Paderborn beteiligt sich am Aufruf zur weiteren Versöhnung von Juden und …
Stadt Paderborn beteiligt sich am Aufruf zur weiteren Versöhnung von Juden und Christen
„Woche der Brüderlichkeit“: Menschen aus der Paderstadt und aus ganz Deutschland sprachen über die Aufarbeitung der Shoa und eine gemeinsame, gesellschaftliche Zukunft
Bereits seit über 70 Jahren gehört die „Woche der Brüderlichkeit“, ausgerichtet von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, zu einer der generationsübergreifend größten und wichtigsten Angebote zum Dialog zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften sowie zur Aufarbeitung der Shoa. Am vergangenen Sonntagabend lud Bürgermeister Michael Dreier auch in Paderborn zur abschließenden Würdigung der diesjährigen deutschlandweiten Aktionswoche ins historische Rathaus ein.
Zu Gast im großen Sitzungsaal waren knapp 90 geladene Gäste, darunter unter anderem Xenia Nickel, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Paderborn, Monika Schrader-Bewermeier, katholische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Paderborn, Anja Siegemund, Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin (Centrum Judaicum) sowie zahlreiche Schülerinnen und Schüler des Edith-Stein-Berufskollegs und beruflichen Gymnasiums, die bei der Feierstunde eigene Überlegungen zum diesjährigen Leitmotiv beitrugen. Dieses lautete „Öffnet die Tore der Gerechtigkeit - Freiheit. Macht. Verantwortung.“. Die musikalische Gestaltung übernahmen Violinist Semjon Kalinowsky und Pianistin Marianne Wiemann.
Zusammenleben verschiedener Glaubensgemeinschaften in Paderborn
„Juden und Christen sind in unserem Land auf einem gemeinsamen Weg“, eröffnete Michael Dreier. Auch in Paderborn gebe es für die friedliche Zusammenarbeit untereinander sowie mit Menschen anderer Religionsgemeinschaften inzwischen zahlreiche gute Beispiele. Besonders hob der Bürgermeister das „Forum der Religionen“ hervor, das seit über zehn Jahren gemeinsame Veranstaltungen mit Anhängerinnen und Anhängern aller in Paderborn vorhandenen Glaubensgemeinschaften organisiert. So fand beispielsweise im Zuge der Hilfen für die Erdbebenopfer aus Syrien und der Türkei vor einigen Wochen eine gemeinsame Gedenkveranstaltung mit Christen, Juden und Muslimen auf dem Rathausplatz statt.
Auch die Veranstaltung im Paderborner Rathaus könne für die Anwesenden wichtig sein, so Schrader-Bewermeier: „Seien Sie alle Botschafter für Freiheit und Verantwortung.“ Einer dieser Botschafter sei seit Jahren das Berliner „Centrum Judaicum“, das im Rahmen der Eröffnungsfeier der Woche der Brüderlichkeit in Erfurt mit der renommierten Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet wurde. Diese wird jährlich von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit an Personen oder Institutionen verliehen, die im interreligiösen und interkulturellen Dialog oder im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus außerordentliche Verdienste geleistet haben – eine „verdiente Medaille für das Centrum Judaicum“, so Schrader-Bewermeier.
Erinnerungskultur steht in Zukunft vor neuen Herausforderungen
Als Gastvortrag präsentierte Siegemund, die Vorsitzende des Centrums, eine Geschichte der Erinnerungskultur und der Aufarbeitung der Shoa in Deutschland: „Was heute zu großen Teilen zum Selbstverständnis der Berliner Republik gehört, wurde hart erarbeitet.“ Dabei sei der Kampf zur Anerkennung der Opfer noch nicht abgeschlossen. Historisch habe der Fokus vor allem auf dem Beitrag gelegen, den Juden zum deutschen Wissenschafts- und Kulturleben geleistet haben. Dies sei allerdings zu kurz gedacht, da es lediglich den Nutzen einer Gruppe für die Mehrheitsgesellschaft, nicht aber den individuellen Menschen in den Vordergrund rücke.
In jüngerer Zeit habe sich der Blick hin zur Vielfalt des jüdischen Lebens sowohl historisch als auch in der Gegenwart verschoben. Dies sei laut Siegemund ein besserer Ansatz, solange dabei auch wirklich die weniger populären Lebenswege thematisiert würden. In Zukunft stehe die Erinnerungskultur vor allem vor zwei Herausforderungen – einerseits die gleichzeitige, harmonische Aufarbeitung anderer Opfergeschichten wie beispielsweise in Folge der Kolonialzeit, andererseits stehe die Aufarbeitung der Shoa vor der Tatsache, dass bald auch die letzten Zeitzeugen verstorben sein werden und ihr Korrektiv somit wegfalle. Zusammenfassend ist Siegemund der Meinung: „Anerkennung und Empathie können und müssen das Fundament unserer Gesellschaft bilden.“
Jüdische Gemeinde Paderborn ist immer für Interessierte offen
In den Gedanken, die sich die Mitglieder des Edith-Stein-Berufskollegs zum Leitmotiv „Freiheit. Macht. Verantwortung.“ der Woche der Brüderlichkeit gemacht haben, sticht heraus, dass jeder Macht besitze und zumindest unbewusst auch ausübe. Dies können aber auch positiv verwendet werden, da sich beispielsweise auch mit kleinen Gesten der Nettigkeit viel bei Mitmenschen bewirken lasse. Weiterhin könne die Verantwortung nicht nur individualistisch betrachtet werden, sondern müsse sich auch nach gesellschaftlichen Zusammenhängen ausrichten. Abschließend müsse sich jeder so für die eigene Freiheit einsetzen, dass die Freiheit anderer dabei nicht eingeschränkt würde.
Besonders die Worte der Jugendlichen hätten Nickel tief bewegt, da die Beschäftigung junger Menschen mit gesellschaftlichen Themen immens wichtig sei. Auch die jüdische Gemeinde Paderborn setze sich stets für Aufklärung über die Religion selbst ein und hoffe, so Vorurteile abbauen zu können. „Unsere Tür steht für Interessierte immer offen. Auch wenn wir aktuell nur 67 Mitglieder haben, zeigen wir oft einzelnen Interessierten oder ganzen Schulklassen den Alltag in unserer Gemeinde.“ Für sie zeige sich die Brüderlichkeit übrigens vor allem beim jährlichen Weihnachtsfest in ihrer Familie. Dabei kämen Juden, Christen und Muslime zusammen, um als Gemeinschaft religionsunabhängig zu feiern.