Für Paderborner Gewerkschafter geht gerechte Bezahlung nur mit Tariflohn

Beim Arbeitnehmerempfang im Rathaus am Abend vor dem Tag der Arbeit sprechen über 40 Teilnehmende über die Zukunft fairer Löhne

© Stadt PaderbornArbeitnehmerempfang, Moritz Jülich

So wie die alljährlichen Demonstrationsmärsche zum Tag der Arbeit in Paderborn Tradition haben, gehört auch der Arbeitnehmerempfang im Rathaus am Vorabend des erstens Mais dazu. Am vergangenen Sonntagabend hatte die stellvertretende Bürgermeisterin Sabine Kramm wieder zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer von unterschiedlichen Arbeitnehmerverbänden und Gewerkschaften sowie aus der Politik in die gute Stube der Stadt eingeladen, um über die Zukunft des Arbeitsmarkts zu sprechen.
„Die knapp 40 Gäste vor Ort stehen repräsentativ für alle Arbeitnehmer in der Region“, machte Kramm zu Beginn der Veranstaltung deutlich. Im Anschluss stellte sie das Hauptthema des Abends heraus: „Gute Arbeit und guter Lohn funktioniert nur mit Tarifbindung.“ Auch die Stadt bekomme die jüngste Erhöhung des Gehaltstarifs im öffentlichen Dients zu spüren, dadurch stiegen die Gehälter von Angestellten der Gemeinde um insgesamt 11 Millionen Euro auf 106 Millionen Euro – auch für Paderborn nicht einfach so zu stemmen. Doch die Stadt stehe laut Kramm hinter der Maßnahme.
Tarifbindung wirkt sich direkt auf das Gehalt aus

„Es ist die Aufgabe der Politik, vernünftige Gehaltserhöhungen wie diese zu ermöglichen, ohne in die Misere zu geraten.“ Paderborn solle für Bewohner wie für Zuziehende attraktiv sein, und dazu gehöre, gut hier arbeiten zu können. Generell gehe es laut Martina Schu, Bezirksgeschäftsführerin der Gewerkschaft „Verdi“ in OWL, darum, möglichst vielen Arbeitnehmer einen Tariflohn zu ermöglichen, egal in welcher Branche. Je nach Berechnungen seien um die 52 Prozent der Betriebe in Deutschland tariflich organisiert. „Das ist eigentlich viel zu wenig, auch nach einer EU-Vorgabe, die bis zu 80 Prozent erreichen soll“, so Schu.
Die Folgen für die Arbeitnehmer wirkten sich direkt auf Lohnzettel aus. „Im Schnitt bedeutet Tarifungebundenheit in Deutschland monatlich bis zu 600 Euro weniger“, erläutert Schu. Der öffentliche Dienst sei der größte Arbeitgeber des Landes, deshalb könne die jüngste Tariflohnerhöhung auch als Vorbild für Deutschlands Arbeitsmarkt dienen. Doch die Lohnerhöhung für Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sei nicht die einzige Problemstelle gewesen, so Ulrich Koch, der Vorsitzende des Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschafts-Ortsverbands Paderborn-Soest.
Tarifbindung auch für Auftragsarbeiten für den öffentlichen Dienst
Bei der Bahn werde bei der Auftragsvergabe an externe Unternehmen zu häufig nur auf den Preis geschaut, außerdem könnte die angebliche Einhaltung von Tarifen bei Sub-Unternehmen immer schwieriger kontrolliert werden. Auch bei der Auftragsvergabe im öffentlichen Dienst werde laut Schu zu sehr nur nach Preis entschieden. Deshalb forderten die Gewerkschaften ein Tariftreuegesetz, durch das Betriebe im öffentlichen Dienst auch bei der Vergabe von Aufträgen die Einhaltung des Lohntarifs bei den jeweiligen Unternehmen kontrollieren müssten.
„Viele Unternehmer sind immer noch der Meinung, Tarifbindung bedeute für sie aufgrund der höheren Gehälter nur Nachteile“, erzählte Konrad Jablonski, Geschäftsführer der IG Metall-Verwaltungsstelle Paderborn. Doch dies sei ein Irrtum. Zum einen sei die Zusammenarbeit mit den jeweiligen krisenerfahrenen Gewerkschaften in einer Phase, in der die Industrie und der Arbeitsmarkt sich wandeln müssten, für beide Seiten gewinnbringend. Zum anderen werden motivierte Mitarbeiter, die sich längerfristig an ein Unternehmen binden, in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger.
Gewerkschaften haben immer mehr Zulauf
Zwar sei dieser Mangel nicht nur eine Gehaltsfrage, aber: „Ein Betrieb braucht sich nicht über Fachkräftemangel beschweren, wenn er nicht mal bereit ist, nach Tarif zu bezahlen“, so Jablonski. Allgemein gebe es aktuell einen sogenannten Arbeitnehmermarkt, erläuterte Koch. Dies bedeute, dass sich viele qualifizierte Angestellte zwischen mehreren Betrieben für die besseren Jobbedingungen entscheiden können.
„Dies wird auch immer mehr Arbeitnehmern bewusst“, so Koch. Die Gewerkschaften hätten überall viel Zulauf und seien immer besser für die Zukunft aufgestellt. Je mehr Arbeitnehmern ihre Situation bewusstwerde, desto mehr Verbesserungen des Arbeitsmarkts seien erreichbar. Um dieses Ziel zu erreichen, wollten die Teilnehmer des Arbeitnehmerempfangs im Paderborner Rathaus auch am darauffolgenden ersten Mai vereint auf die Straße gehen sowie weiterhin an den Verhandlungstischen und auch mit Streiks dafür kämpfen.