Appell für Freiheit, Würde und Sicherheit
Gedenkstunde am jüdischen Mahnmal erinnerte an Opfer der Reichspogromnacht
Rund 350 Menschen gedachten am Sonntagabend auf dem Platz „An der alten Synagoge“ in der Paderborner Innenstadt der Opfer der Reichspogromnacht von 1938. Eingeladen zur Gedenkstunde vor dem jüdischen Mahnmal des Künstlers Per Kirkeby hatten die Stadt Paderborn und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Paderborn. „Wir gedenken heute des ungeheuren Novemberpogroms vom 9. November 1938“, sagte Monika Schrader-Bewermeier, katholische Vorsitzende der GCJZ und Organisatorin der Gedenkveranstaltung.
In der Reichspogromnacht wurden deutschlandweit mehrere hundert Jüdinnen und Juden ermordet, zahlreiche weitere nahmen sich selbst das Leben. Tausende jüdische Geschäfte wurden geplündert und zerstört, und mehr als 1.400 Synagogen niedergebrannt. Im direkten Anschluss an die Zerstörungen wurden am 10. November 1938 etwa 30.000 Jüdinnen und Juden inhaftiert und anschließend in Konzentrationslager deportiert.
„Diese Episode unserer Geschichte ist eine Mahnung an uns alle. Insbesondere das Niederbrennen der Synagoge am 10. November zeigt deutlich, wie systematisch und verachtend – gegenüber den Menschen und allen Werten – vorgegangen wurde“, machte Paderborns Bürgermeister Stefan-Oliver Strate in seiner ersten öffentlichen Rede deutlich. „Die Reichspogromnacht war der Anfang für die millionenfache, planmäßig organisierte Ermordung der Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa.“ Institutionen, deren Aufgabe es gewesen sei, für Recht und Bürgerrechte einzustehen, hätten sich an diesem unbeschreiblichen und menschenverachtenden Unrecht beteiligt. „Ein düsterer und zutiefst bedrückender Teil der Geschichte unseres Landes und auch unserer Stadt“, resümierte Strate.
Das Mahnmal von Per Kirkeby „erinnert uns daran, wie wichtig es ist, dass Gemeinschaft, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit auch in herausfordernden Zeiten standhalten. Denn in der Reichspogromnacht wurden nicht nur Synagogen in Brand gesetzt und Geschäfte verwüstet – in dieser Nacht wurden vielmehr die Grundpfeiler der Menschlichkeit und des Respektes zerschlagen“, sagte der Bürgermeister. Die Erinnerung an diese unfassbaren Ereignisse sei gleichzeitig eine – und unser aller – Verpflichtung für Freiheit, Würde und Sicherheit aller Menschen einzutreten.
Stefan-Oliver Strate erinnerte auch an den Besuch des ehemaligen Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert vor rund vier Wochen in Paderborn und betonte dessen warnende Worte, die Demokratie und die Institutionen des Staates als Selbstverständlichkeit zu betrachten. „Eine Demokratie braucht Demokraten“, hatte Lammert gesagt. Dem schloss sich Strate an und mahnte: „Übernehmen Sie Verantwortung. Verantwortung dafür, dass jedwede Form von Antisemitismus keinen Boden mehr findet. Verantwortung dafür, wie wir als Stadt Kultur und Vielfalt schützen und fördern können. Und Verantwortung dafür, wie wir Bildung nutzen, um Verständnis füreinander wachsen zu lassen.“
In seiner Gedenkansprache erinnerte Prof. Dr. Idris Nassery, Professor für Islamische Rechtswissenschaften am Paderborner Institut für Islamische Theologie an der Universität Paderborn, an die bleibende Verantwortung des Erinnerns und die Bedeutung des Ortes. Er berichtete davon, als Kind in Afghanistan erlebt zu haben, „was es bedeutet, wenn Menschen verfolgt werden, wenn heilige Orte brennen und mit ihnen die Hoffnung“. Er habe erfahren, „wie sich Menschen in Ethnien, Religionen und Rassen einteilen, wie Mauern zwischen ihnen errichtet werden und das Vertrauen zerbricht, dass Menschen Mensch bleiben und Freunde Freunde bleiben“. Mit Blick auf die im maurischen Stil erbaute Synagoge betonte Nassery: „Dieses Bauwerk war Ausdruck einer kulturellen Offenheit. Es stand für ein Paderborn, das Teil einer größeren Geschichte war, für ein geistiges Erbe, in dem sich Jüdinnen, Christen und Muslime in Wissen, Kunst und Glauben begegneten.“ Zugleich erinnerte er daran, dass Erinnerung mehr sei als ein Ritual: „Erinnerung ist kein Blick zurück, sondern ein Prüfstein für das Heute. Sie verpflichtet uns, das Heilige im Anderen zu erkennen und zu schützen.“
Zum Abschluss seiner Rede sprach Nassery über das Licht der Menschlichkeit, das nicht brenne, um zu vernichten, sondern um zu leuchten: „Das Feuer, das einst in den Lampen der Synagoge brannte, lebt weiter in jedem Menschen, der sich dem Hass verweigert. Wenn wir heute Kerzen entzünden, lassen wir dieses Licht weitergehen, von Haus zu Haus, von Herz zu Herz.“
Die Gedenkstunde wurde durch den Internationalen Chor KlangKult begleitet. Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Elsen verlasen die Namen der ermordeten Paderborner Jüdinnen und Juden, Auszubildende der Stadt Paderborn legten den Kranz nieder.