Fakten statt Fiktionen

Zur Aufgabe historischen Erzählens in der Kirchengeschichte

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Öffentlicher Gastvortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Hubert Wolf (Universität Münster) im Rahmen der Tagung "Kirchengeschichte als Erzählung? Zur Bedeutung von Narrativität für die Historische Theologie".

Fakten statt Fiktionen. Zur Aufgabe historischen Erzählens in der Kirchengeschichte

Erzählerische Elemente besitzen eine große Kraft. Geschichte in Geschichten zu erzählen, ermöglicht der Kirchengeschichte, die Dramatik geschichtlichen Geschehens deutlich zu machen und komplizierte theologische Sachverhalte zu vermitteln, auch in der Lehre. Jörn Rüsen ist daher zuzustimmen, dass „Narrativität“ die „Grundfigur allen historischen Wissens und Denkens“ bildet. Beim historischen Verstehen geht es nicht nur darum, Zahlen und Daten wiederzugeben, sondern auch Sinn und Bedeutung aus den res factae der Vergangenheit zu gewinnen. Der Beitrag nähert sich Antworten auf Fragen zur Narrativität in der Kirchengeschichte deswegen seinerseits mithilfe von Narrativen. Erstens: Gibt es ein spezifisch „historisches Erzählen“, und wie unterscheidet es sich vom nicht-historischen Erzählen? Dazu wird ein kirchenhistorisches Narrativ des 19. Jahrhunderts in den Blick genommen, das sich bei näherem Hinsehen als nicht haltbar erweist: Der Theologe Augustin Theiner wandte sich gegen die Ausbildung von Priestern an den Katholisch-Theologischen Fakultäten der Universitäten und plädierte stattdessen für kirchliche Seminare. Sein wichtiges Argument war die Behauptung, das Konzil von Trient habe diese Seminare im 16. Jahrhundert verbindlich vorgeschrieben. Die Quellen sprechen indes eine andere Sprache und entlarven Theiners Ausführungen als fiktionale Erzählung aus kirchenpolitischem Kalkül, die dem Anspruch an ein wissenschaftliches historisches Erzählen nicht gerecht wird. Denn dieses muss sich auf überprüfbare Fakten beziehen. Fiktionen sind als solche zu erkennen und gegebenenfalls zu dekonstruieren. Historiker konstruieren Geschichte nicht, sie rekonstruieren sie, indem sie überprüfbare Fakten beschreiben und deuten. Zweitens: Welche Rolle spielt der Faktencheck anhand von Quellen im Angesicht von sogenannten Meistererzählungen? Dazu wird auf die Junktimsthese des protestantischen Kirchenhistorikers Klaus Scholder eingegangen, die einen Zusammenhang von Ermächtigungsgesetz und Reichskonkordat im Frühjahr 1933 behauptet. Der Autor räumt ein, dass er zwanzig Jahre lang die plausibel erscheinende Geschichte vom Tauschgeschäft „Reichskonkordat gegen Kundgebung der Bischöfe und Ermächtigungsgesetz“ weitererzählt hat, die nach der Öffnung der einschlägigen Bestände in den vatikanischen Archiven im Jahr 2006 nicht mehr zu halten war. Deutlich wird: Gerade solche Meisterzählung brauchen den kritischen historischen Faktencheck. Das ist ein mühsames Geschäft, aber Theologie und Kirchengeschichte sind hier in einer besonderen Verantwortung. Drittens: Was bedeutet der sogenannte Linguistic Turn für die (Un-)Fähigkeit der Geschichtswissenschaft, „historische Fake News“ zu enttarnen? Dazu berichtet der Autor von Auseinandersetzungen über die Bedeutung der Quellenarbeit im Jahr 2013 anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Dieses war 1888 als „Königlich Preußische Historische Station“ vor allem zu dem Zweck gegründet worden, historische Forschungen zu den seit 1881 zugänglichen Beständen des Vatikanischen Geheimarchivs zu ermöglichen. Doch heute wird die Edition und Erschließung von Archivalien teilweise als Relikt eines längst überwundenen „Historismus“ und „Positivismus“ betrachtet. Ein radikaler Konstruktivismus verwischt die Grenzen zwischen quellenbasierten Fakten und Fiktionen – mit verhängnisvollen Folgen, man denke nur an die neue Konjunktur historischer „Fake News“, die leicht politisch zu instrumentalisieren sind. Selbstverständlich sind alle Wirklichkeitsbeschreibungen textgebunden, das hat die klassische, methodisch reflektierte Historiographie nie bestritten. Doch Quellen sind und bleiben der Stoff, aus dem historisches Erzählen gemacht ist. Daher bleibt ein „Re-turn to the sources“ das Gebot der Stunde.

© Catrin MoritzProfessor Dr. Dr. h.c. Hubert Wolf

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