Glitzer | Glitter
Tina Tonagel
* 1973 in Lemgo, Bundesrepublik Deutschland | Federal Republic of Germany, lebt | lives in Köln, Bundesrepublik Deutschland | Cologne, Federal Republic of Germany
Sirenen
Sirens
2018
Audiospur, Licht, Holz, 34 mit Glitzer gefüllte Glasgefäße | Audio track, lighting, wood, 34 small jars filled with glitter, 49 x 3 x 8,9 cm
Kunstsammlung | Art Collection Stadt Paderborn
Audioguide
Glitzer
Als Substanz besitzt Glitzer keine eigenständige Form, keine Textur im haptischen Sinne und vor allem keine tragende Funktion. Dennoch entfaltet er eine unmittelbare Wirkung, die sich dem rationalen Zugriff entzieht. Er reflektiert Licht nicht gleichmäßig, sondern in fragmentierten Blitzen, die den Blick destabilisieren, ihn anziehen und gleichzeitig enttäuschen: Was leuchtet, hält nichts. Diese strukturelle Eigenschaft (zu versprechen ohne einzulösen), macht Glitzer zu einem hochgradig aufgeladenen Material, das weit über seine dekorative Funktion hinausweist.
Tina Tonagel greift dieses Potential in ihrer Arbeit Sirenen, 2018 mit konzeptueller Präzision auf. Die Installation besteht aus einer beleuchteten Holzleiste, auf der 34 kleine, mit Glitzer gefüllte Glasgefäße aufgereiht und mit einem Korken verschlossen stehen. Die kleinen Gefäße sind in Gänze unmonumental: keine große Geste, kein Panorama, sondern eine Reihung im engen Maßstab, die die Betrachtenden zwingt, nahe heranzutreten. Die Lichtquelle durchdringt die Glasgefäße und lässt den Glitzer von innen heraus strahlen. Begleitet wird diese visuelle Szene von einer Audiospur: ein akustisches Fragment, durchdringend wie ein Wehklagen.
Die Künstlerin hat dieses sich repetitiv wiederholende Hörstück aus dem TV-Format Germany's Next Topmodel (GNTM, auf Pro 7) entnommen. Ausgerechnet dieses Format als akustische Ebene einzusetzen ist nicht beliebig. GNTM ist ein mediales Dispositiv, das seit 2006 und in nunmehr 21 Staffeln auf der systematischen Selektion und Bewertung weiblicher Körper basiert. Ein Format, in dem kompetitive Sichtbarkeit als höchste Währung gilt und das affektive Leuchten-Können zur entscheidenden Qualifikation wird. Das Format operiert, strukturell betrachtet, nach derselben Logik wie Glitzer: Es zieht an, behauptet, blendet, und eliminiert im gleichen Zug das Unpassende, das Matte, das Nicht-Strahlende. Es konzentriert ein vermeintliches Ideal und fokussiert so das Defizitäre.
Der Titel der Arbeit Sirenen verknüpft eine mythologische Dimension, die ihrerseits vielschichtig ist. Die Sirenen der griechischen Überlieferung, prominent in der dem griechischen Dichter Homer (ca. 8. Jahrhundert v.d.Z.) zugeschriebenen Odyssee (Öffnet in einem neuen Tab), sind keine einfachen Verführerinnen. Sie verkörpern das Paradox einer Schönheit, die vernichtet. Ihr Gesang zieht die Seefahrer an, und wer folgt, findet den Tod. Die Lockung ist nicht Täuschung im Sinne einer Lüge: Die Sirenen versprechen absolute Wahrheit, Wissen, Vollständigkeit. Und genau deshalb ist ihr Ruf tödlich. König Odysseus von Ithaka lässt sich während der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg an den Mast seines Schiffes binden, um hören zu dürfen, ohne handeln zu können; seine Männer rudern mit verstopften Ohren. Das Überleben erfordert die Dissoziation von Wahrnehmung und Reaktion.
Dieses mythologische Motiv findet in Sirenen seine materielle Entsprechung. Die 34 Glasgefäße, die in ihrer Serialität an kostbare Laborflaschen ebenso wie an kitschige Devotionalien erinnern, enthalten eine Substanz, die nichts ist als Oberfläche und Reflexion. Glitzer besitzt keine Tiefe, kein Inneres, keine Substanz im metaphysischen Sinne; er ist die Materialisierung der reinen Erscheinung. Zugleich ist er industriell gefertigt, massenproduziert, demokratisch verfügbar, was ihn vom Edelstein unterscheidet, dessen Seltenheit das Begehren legitimiert. Der Glitzer täuscht eine Kostbarkeit vor, die er nicht besitzt. Eine programmatische, strukturelle Unwahrheit.
Erwähnt Homer zwei Sirenen, lässt sich die Reihung der Gefäße auf der Holzleiste als vervielfältigte chorische Aufstellung lesen: 34 Sirenen, 34 Stimmen, die gemeinsam jene unwiderstehliche Klangfülle erzeugen, der Odysseus sich nur durch Fesselung entziehen konnte. Die Audiospur, das GNTM-Fragment, übersetzt diesen antiken Chor in seine zeitgenössische Form: das mediale Versprechen von Schönheit, das gleichzeitig selektiert, normiert und auslöscht. Der Schnitt des Fragments, seine Kürze, seine Klangqualität und Wiederholung, unterstreicht den mechanischen Charakter dieser toxischen Verführung: Sie ist kein Einzelereignis, sondern ein strukturelles Dauerproblem.
Glitzer als Material ist bei Tonagel ambivalenter Träger divergenter Strukturen. Er markiert das Billige, das Festliche, das Weiblich-Kokette, das Kindliche und gleichzeitig das Glamouröse, das Luxuriöse, das Bühnenhafte. Diese Ambivalenz ist kulturell produziert und keineswegs neutral: Glitzer klebt an Geschlechterzuschreibungen, an Klasse, an Alter. Indem Tonagel ihn in Glasgefäße verschließt und unter Licht setzt, entzieht sie ihn seinem alltäglichen Gebrauchskontext und macht ihn zum Betrachtungsobjekt. Das Material wird konserviert, fast archiviert. Die Verführungskraft bleibt intakt, aber ihr Mechanismus wird sichtbar.
Sirenen ist kein moralisierendes Werk, das die billige Verführung anklagt. Es ist eine präzise Analyse ihrer Struktur. Denn Tonagel lässt die Verführung geschehen: der Glitzer leuchtet wirklich, die Gefäße sind schön, das Licht ist warm, und stellt gleichzeitig die Frage, was man bereit ist zu hören, wenn man sich als Betrachtende*r dem Werk nähern möchte.
Glitzer · einfachere Sprache
Glitzer hat keine feste Form. Er fühlt sich auch nicht besonders an. Und er kann nichts tragen oder halten. Trotzdem wirkt er sofort: Er funkelt und zieht den Blick an. Das Licht spiegelt sich in vielen kleinen Punkten. Es glitzert überall, aber man kann es nicht richtig greifen. Es sieht besonders aus, aber es ist eigentlich ganz leicht.
Die Künstlerin hat in der Kunst-Arbeit genau das gemeint. Die Kunst-Arbeit heißt „Sirenen“. Man sieht eine schmale Holzleiste mit vielen kleinen Gläschen. In jedem Gläschen ist Glitzer. Insgesamt sind es 34 Gläschen. Sie stehen in einer Reihe nebeneinander. Ein Licht scheint durch die Gläschen, sodass der Glitzer besonders schön glänzt.
Wenn man näher herangeht, hört man auch etwas: eine Stimme oder ein Geräusch. Es wirkt ein bisschen gruselig und faszinierend zugleich. Es wiederholt sich immer wieder. Es kommt aus der Fernseh-Sendung Germany’s Next Topmodel. Das bedeutet Deutschlands nächstes Topmodel. Ein Topmodel ist ein Mensch, der sehr schön aussieht und auf Fotos oder auf dem Laufsteg Kleidung zeigt, damit sie alle Menschen sehen können. In dieser Fernseh-Sendung werden Menschen, besonders Frauen bewertet. Wer schön ist und wer nicht. Es geht viel um Aussehen und darum, zu glänzen und aufzufallen.
Das passt gut zum Glitzer. Auch der will auffallen. Er glänzt und zieht an. Aber auch nicht mehr. So wie in der Fernseh-Sendung: Man sieht das Strahlen, aber sonst nichts. Wie es den Frauen zum Beispiel damit geht, wenn sie bewertet werden. Oder ob sie traurig sind.
Der Name der Kunst-Arbeit „Sirenen“ kommt aus einer sehr alten Geschichte. Sirenen waren Fabel-Wesen, die sehr schön singen konnten. Ihr Gesang war so schön, dass Menschen unbedingt zu ihnen wollten. Aber das war gefährlich. Die Sirenen waren auch sehr böse. Wer zu ihnen gegangen ist, war dann in Gefahr.
In der Kunst-Arbeit sind die vielen Gläschen wie viele Stimmen von den Fabel-Wesen. Sie locken, sie leuchten, sie ziehen an. Aber man merkt auch: Es ist nicht alles so, wie es scheint.
Die Künstlerin zeigt den Glitzer hier ganz absichtlich: eingeschlossen in Gläschen und beleuchtet. So kann man ihn genau anschauen und darüber nachdenken. Dinge, die stark glänzen und uns anziehen, sind nicht immer so, wie sie wirken. Und so stellt die Kunst-Arbeit auch die Frage: Warum schauen wir trotzdem so gern hin?
Glitter
As a material, glitter has no independent form, no texture in the tactile sense, and, above all, no structural function. Nevertheless, it exerts an immediate effect that eludes rational grasp. It does not reflect light evenly, but in fragmented flashes that destabilize the gaze, drawing it in while simultaneously disappointing it: what glitters holds nothing. This structural property (promising without delivering) makes glitter a highly charged material that points far beyond its decorative function.
Tina Tonagel taps into this potential with conceptual precision in her work Sirenen | Sirens, 2018. The installation consists of an illuminated wooden strip on which 34 small glass vessels filled with glitter are lined up and sealed with corks. The small vessels are entirely unmonumental: no grand gesture, no panorama, but rather a small-scale arrangement that compels viewers to step closer. The light source penetrates the glass vessels, causing the glitter to shine from within. This visual scene is accompanied by an audio track: an acoustic fragment, piercing like a lament.
The artist has taken this repetitive audio clip from the german TV show Germany’s Next Top Model (GNTM, on Pro 7). The decision to use this particular show as an acoustic layer is not arbitrary. GNTM is a media apparatus that, since 2006 and now spanning 21 seasons, has been based on the systematic selection and evaluation of female bodies. A format in which competitive visibility is the highest currency and the ability to radiate emotional appeal becomes the decisive qualification. Structurally speaking, the format operates according to the same logic as glitter: it attracts, asserts, dazzles, and simultaneously eliminates the unsuitable, the dull, the non-radiant. It concentrates a supposed ideal and thus highlights what is lacking.
The title of the work, Sirenen | Sirens, evokes a mythological dimension that is itself multifaceted. The sirens of Greek tradition, prominently featured in the Odyssey attributed to the Greek poet Homer (c. 8th century BCE), are not merely seductresses. They embody the paradox of a beauty that destroys. Their song attracts sailors, and whoever follows meets his death. The lure is not deception in the sense of a lie: the Sirens promise absolute truth, knowledge, and completeness. And that is precisely why their call is deadly. King Odysseus of Ithaca has himself tied to the mast of his ship during his return from the Trojan War so that he may hear without being able to act; his men row with their ears plugged. Survival requires the dissociation of perception and reaction.
This mythological motif finds its material counterpart in Sirenen | Sirens. The 34 glass vessels, whose serial arrangement evokes both precious laboratory flasks and kitschy devotional objects, contain a substance that is nothing but surface and reflection. Glitter possesses no depth, no interior, no substance in the metaphysical sense; it is the materialization of pure appearance. At the same time, it is industrially manufactured, mass-produced, and democratically accessible, which distinguishes it from the gemstone, whose rarity legitimizes desire. The glitter feigns a preciousness it does not possess. A programmatic, structural untruth.
When Homer mentions two sirens, the arrangement of the vessels on the wooden strip can be read as a multiplied choral formation: 34 sirens, 34 voices, which together produce that irresistible sonority from which Odysseus could only escape by being bound. The audio track, the GNTM fragment, translates this ancient chorus into its contemporary form: the media’s promise of beauty, which simultaneously selects, standardizes, and erases. The editing of the fragment, its brevity, its sound quality, and its repetition underscore the mechanical nature of this toxic seduction: it is not a single event, but a structural, ongoing problem.
For Tonagel, glitter as a material serves as an ambivalent vehicle for divergent structures. It evokes the cheap, the festive, the coquettish femininity, the childlike – and at the same time the glamorous, the luxurious, the theatrical. This ambivalence is culturally constructed and by no means neutral: glitter is tied to gender stereotypes, class, and age. By sealing it in glass vessels and placing it under light, Tonagel removes it from its everyday context of use and turns it into an object of contemplation. The material is preserved, almost archived. Its seductive power remains intact, but its mechanism becomes visible.
Sirenen | Sirens is not a moralizing work that condemns cheap seduction. It is a precise analysis of its structure. For Tonagel allows the seduction to happen: the glitter truly shines, the vessels are beautiful, the light is warm – and at the same time, she poses the question of what one is willing to hear when approaching the work as a viewer.
Glitter · Simplified Language
Glitter has no fixed shape. It doesn’t feel like much, either. And it can’t carry or hold anything. Yet it has an immediate effect: it sparkles and catches the eye. The light reflects off many tiny points. It glitters everywhere, but you can’t really grasp it. It looks special, but it’s actually quite light.
That is exactly what the artist intended in this artwork. The artwork is called Sirens. You see a narrow wooden strip with many small vials. Each vial contains glitter. There are 34 vials in total. They are arranged in a row next to one another. A light shines through the vials, making the glitter sparkle especially beautifully.
When you get closer, you also hear something: a voice or a sound. It feels a bit creepy and fascinating at the same time. It repeats over and over. It comes from the TV show Germany’s Next Topmodel. A top model is someone who looks very beautiful and shows off clothes in photos or on the runway so that everyone can see them. In this TV show, people – especially women – are judged. Who is beautiful and who isn’t. It’s all about looks and about shining and standing out.
That goes well with the glitter. It wants to stand out, too. It sparkles and draws you in. But that’s all. Just like on TV: you see the glow, but nothing else. Like how women feel when they’re being judged, for example. Or whether they’re sad.
The title of the art piece, “Sirens,” comes from a very old story. Sirens were mythical creatures who could sing beautifully. Their singing was so beautiful that people desperately wanted to go to them. But that was dangerous. The sirens were also very evil. Anyone who went to them was then in danger.
In the artwork, the many little jars are like the many voices of the mythical creatures. They lure, they glow, they attract. But you also realize: Not everything is as it seems.
The artist deliberately highlights the glitter here: enclosed in small jars and illuminated. This allows you to look at it closely and reflect on it. Things that shine brightly and attract us are not always what they appear to be. And so the artwork also poses the question: Why do we still love to look at them so much?
