Ein Abend zu Zaz - Musik, Leidenschaft, Lebensfreude, am 20.03.2026, 19.00–21.15 Uhr

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Interview mit dem Moderator des Abends, Michael Wiersing Sudau: 

Kann man mit bereits 30 Jahren noch zum Weltstar werden ?  Man kann – Zaz hat es bewiesen – aber man darf nicht nur mehr Talent mitbringen. Vanessa Paradis war keine 15, als sie zum Star wurde, doch in dem Alter wird sicher noch fast alles von anderen Leuten entschieden. Zaz hatte nicht diese 15 Jahre Star-Vorsprung, konnte aber mehr Erfahrung einbringen, als es schließlich losging. Ob man zum rein französischen Star wird oder zum Weltstar, scheint allerdings von etwas ganz anderem abhängig zu sein: Kommerzieller Erfolg zweifellos, aber daneben vor allem Lust und / oder die Disziplin, sehr viel international aufzutreten. In den 1970ern, 80ern gab es reihenweise Franzosen, die, oft in mehreren Sprachen, weltweit auftraten. Die Letzte von ihnen ist Mireille Mathieu, danach kam noch Patricia Kaas, und seit 15 Jahren Zaz. Alle drei haben die gesamte Welt, vor allem auch ganz stark Osteuropa, Russland und Asien bereist. Vermutlich kennt das Publikum außerhalb Frankreichs die Lieder von Zaz oft gar nicht. Aber da zieht dann die französische Sprache, jenseits des Kontinents der Traum von Europa und vom Westen allgemein. Zaz ist zweifellos ein französischer Kulturimport. Nach einem internationalen Hit liegt immer eine internationale Karriere nah, als Interpret muss man dafür aber eben auch der Typ sein. Zaz war und ist es, und das macht sie zu den heute wenigen französischen Stars des Chansons mit weltweitem Publikum.  

 

Wie entscheidend war "Je veux" ?  Qualität setzt sich oft durch, aber ohne dieses eine Lied wäre Zaz der Durchbruch vielleicht nie gelungen. Die Musik, der Text – beide nicht von ihr – sie als Interpretin, die Lebenseinstellung, die Art, sich zu kleiden: das alles paßte so gut zusammen – im Moment der Veröffentlichung – wie es wohl selten der Fall ist. Ich bin überzeugt, dass Musiktitel nicht zuletzt durch originelle Extras zum Erfolg werden können. Diese trotzige Kindertröte, die man am Anfang und in der Mitte von "Je veux" hört – egal, ob sie nun wirklich von Hand geformt wurde oder gespielt wird – ist genau das. Die positiv-rotzige Lebenseinstellung wird über den Klang transportiert, jeder Zuhörer merkt sofort, dass das kein etabliertes Instrument ist. Und dann die Sprache: Ein Abgesang auf alles Materielle – etwas, das unsere Eltern uns nicht beigebracht haben – das Feiern allein großer, authentischer Gefühle ("Je veux de l'amour, de la joie, de la bonne humeur" – 'ich wünsch‘ mir Liebe, Freude, gute Stimmung'), sogar bis in den Tod hinein ("J'veux crever la main sur le cœur" – sinngemäß: 'wenn ich sterb‘, dann mit der Hand auf dem Herzen'). Eine Direktheit, die den Zuhörer unmittelbar mit einbindet ("Allons ensemble découvrir ma liberté" - 'lasst uns, gemeinsam, meine Freiheit entdecken'), die ein Zusammengehörigkeitsgefühl herstellt, uns zu Verbündeten macht. Und, weil das aus dem Mund einer Frau kommt, vielleicht auch ein feministisches Statement ("Bienvenue dans ma réalité") ist – es ist eben ihre Realität (nicht seine), zu der sie alle einlädt, sie mitzuerleben, auch die Männer. So erfrischend, dass es jeden begeistert, und selbst wenn es unkonventionelle Lebensphilosophie nur für den Augenblick sein sollte.

 

Hat sich die Musik von Zaz seit Beginn ihrer Karriere verändert ?  Bei einem Erfolg, wie Zaz ihn mit ihrem ersten Album hatte, geht es darum, am vorgeblichen Puls der Zeit musikalisch Neues zu produzieren und zu beeindrucken, Verkäufe zu erreichen. Das muss keine schlechte Qualität sein – es zwingt den Zuhörer ebenso wie die Interpreten, Neues auszuprobieren bzw. sich darauf einzulassen – das ist eine Chance. Wäre entschieden worden, dass sie vor allem für ein gesetzteres Publikum singt, wäre Zaz wahrscheinlich wieder verschwunden. Doch einerseits tanzbarem Synthesizer-Pop zum Abhängen, und nachdenkliche Lieder andererseits (und allem dazwischen) entsprechen ihrem Naturell. Was beides schiefgehen oder glücken kann: ebenso, wie sie überproduzierte Disco abgeliefert hat, finden sich auf manchem Album etwas langatmige, andeutungsvolle Lieder, wo man sich nach Kurzem, Eindeutigen sehnt. Die Entscheidung pro Vielfalt zahlt sich letztlich aus: richtig tolle, gehaltvolle Stücke mit ihr gibt es in mehreren Stilen – weil sie es kann. Zugleich hat sie es geschafft, dem erwähnten Druck zu widerstehen, ständig neue Musik produzieren zu müssen; die Abstände zwischen ihren Alben sind von Beginn an eher länger zu nennen.

  

Und sie selbst ?  Sie hat zwei Seiten: einerseits Rampensau, mit viel Lust an großen Live-Auftritten mit Tausenden von Zuhörern, also ganz das Gegenteil von der kleine-Kneipen-Kabarett-Atmosphäre, die man im Clip zu "Je veux" erlebt. Doch wird sie interviewt, scheint sie immer noch leicht schüchtern, immer noch etwas erstaunt, welche Möglichkeiten man ihr gibt (Profi-Musiker, Konzerthallen, Fotografen, etc.). Bleibt diskret, was ihr Privatleben angeht. Kämpft offenbar immer noch wieder mit sich selbst: so hat sie zum Beispiel die Gradwanderungen zwischen Zaz (ihrem Künstlernamen), "Isa" (ihrem Kosenamen) und Isabelle Geffroy (ihrem eigentlichen Namen) beschrieben, für sie eine Frage der Identität. Sie ist – vielleicht als Erkenntnis aus der Karriere von Kaas, die sich jahrelang verausgabt hat, und daran schwer erkrankte – vorsichtig. Sie kennt auch ihre Grenzen: Geffroy agiert zwar in den Videoclips zu ihren Liedern, verfolgt aber – in Frankreich, wo erfolgreiche Musikkarrieren fast zwingend ins Kino führen – keine Schauspiel-Ambitionen. Und sie ist zwar sehr bekannt, aber kein Superstar, füllt keine Stadien. Doch ist das wichtig ?  Ungeachtet all diesen Definitionen und Festlegungen ist sie immer noch – man merkt es – von schierer Lebenswut beseelt. Am besten klingt das bei ihr, wenn sie, in manchen Liedern, mit gebrochener Stimme verzweifelt-aufgewühlt um ihr Dasein zu kämpfen scheint – ja, so viel Emotion gerade als Zeichen von unbändiger Lebensfreude !

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